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„Tödliche Rückkehr” ein Krimi aus und in Budapest

(c) Pester Lloyd / 35 – 2010 KULTUR 01.09.2010

„Tödliche Rückkehr” ein Krimi aus und in Budapest

Der 1968 geborene Autor Viktor Iro hat sich nach seiner „Gebrauchsanweisung für Budapest und Ungarn“ nun mit seinem Romanerstling auf Krimi-Spuren begeben. Was daraus geworden ist, kann man vielleicht als einen Mischling aus Global-Horror und ungarischer Vergangenheitsbewältigung lesen.

Beim Schreiben hat Dr. Dirk Hohnsträter – so der bürgerliche Name des in Tübingen und Berlin in Germanistik und Kulturwissenschaften ausgebildete und in den USA und Budapest lehrenden „Weltbürgers” – offenbar die Lust an Geschichte und am Fabulieren ergriffen. Iró, sein Künstlername, ungarisch „Schriftsteller/Schreiber”, soll ihm dabei vermutlich das Abgrenzen zwischen dem frei schöpfenden Phantasten und dem Wissenschaftler erleichtern. Zwischen 2004 und 2009 hat es ihn nach Budapest verschlagen. Die Handlung spielt demzufolge in dieser Zeit und in der Donaumetropole. Ein hoher Politiker wird hier im Lukács-Thermalbad erschossen. Gleichzeitig findet eine internationale Sicherheitskonferenz in Budapest statt, wodurch der Mord sofort ins terroristische Kräftespiel gerät. Einer jungen Ermittlerin, die sich mit machiosen Kollegen herumschlägt, wird ein erfahrener Hase von Europol an die Seite gestellt, der nach fast fünf Jahrzehnten erstmals wieder in seine ungarische Heimat kommt, aus der er wegen des 56er Aufstandes vertrieben wurde.

Im Verlauf der Ermittlungen nähert sich Antal Peringer nicht nur dem Fall, sondern auch ihm nahe stehenden Menschen, Erinnerungen, Orten, Gewohnheiten und Genüssen Ungarns. Er muss erkennen, wie unbewältigt nicht nur die Geschehnisse des 56er Aufstandes bis heute sind, sondern wie noch immer der historische Leidensdruck der Geschichte auf Ungarn lastet. Mit genauer stadt-räumlicher Kenntnis, selbsterfahrenen Verhaltensmustern der Ungarn und identifizierendem Verständnis dafür, erzählt Iro seine Story, die durch ihre jähen Wendungen eher an die Novellenstruktur erinnert. So entpuppt sich der Täter als Opfer und umgekehrt. Schließlich sind beide Opfer der bis heute unbewältigten Verhältnisse.

Nicht genug damit, reichten offenbar auch fünf Jahre in Budapest dem Autor selbst nicht ganz aus, vollständig dem Klischee des „immer unterdrückten und benachteiligten Landes” zu entgehen (Hunnen-Türken-Habsburger-Deutsche-Russen-Kommunisten). Warum rächt sich einer, der es immer wieder nach oben geschafft hatte, zwanzig Jahre nach der politischen Wende wegen eines 1956 begangenen Mordes an einem Landsmann? Iro thematisiert welthistorische Zusammenhänge und muss sich deshalb Einseitigkeiten vorhalten lassen. Er bedient – absichtlich oder nicht – die vom konservativen politischen Flügel und von der enttäuschten Masse vorgetragenen Geschichtsbilder über die Stalinzeit, der sich das Subjekt nur durch Resignation oder individuelle Auflehnung entziehen kann. Soweit so richtig und auch wahr!

Aber einem gelernten Europäer wie Iro darf man zumuten, mehr Hintergründiges zum Thema zu sagen, als es sich die ungarischen Medien heute trauen. Wenigstens in diesem Sujet differenziert anzudeuten, dass es auch in Ungarn Zigtausende Opfer ungarischer Kollaborateure der Nazis gab und auch, dass der 56er Volksaufstand nicht immer nur ein Aufstand der Anständigen war.

Das Buch ist dennoch eine flott geschriebener Politkrimi, der mit genauen Detailschilderungen der Stadt, der Handlungsorte und Verhaltensweisen sowie freundlicher Personenzeichnung geradezu Lust macht, es auch als eine Art Stadtführer für Budapest zu nutzen, die getrunkenen Weine nachzukosten und die Schönheit, Vielfalt sowie skurrile Begegnungen in der interessanten Historie zu erleben. Insofern schließt der Krimi an Iros „Gebrauchsanweisung für Budapest und Ungarn” an. Die Wahrscheinlichkeit, bei der Lektüre einen terroristischen Anschlag zu erleben oder im Lukács-Bad einer Wasserleiche zu begegnen, dürfte allerdings der eines Lottogewinns gleichkommen…

Viktor Iro: Tödliche Rückkehr, Kommissar Peringer ermittelt, Piper-Verlag, 2010,

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