(c) Pester Lloyd / 40 – 2010 NACHRICHTEN 05.10.2010




Tödlicher Chemieunfall in Ungarn wird zur Umweltkatastrophe
In Ungarn kam es am Montag zu einem schweren Unfall mit Chemieabfällen. Dabei starben bisher vier Menschen, darunter zwei Kleinkinder, weitere sieben Einwohner wurden bis zum Dienstagmittag noch vermisst, Dutzende Einwohner wurden zum Teil mit schweren Verletzungen in Krankenhäuser eingeliefert. Umweltstaatssekretär Zoltán Illés sprach am Dienstagvormittag bei einem Ortstermin von einer „ökologischen Katastrophe“, das Betreiberunternehmen spielt die Sache herunter.
Update, 18:39 Uhr: Schuldzuweisungen und Schönfärbereien.
In Ungarn beginnt die Aufarbeitung der Katastrophe.
Umweltamt: Radioaktive und krebserregende Stoffe Für die drei nordwestlichen Komitate des Landes wurde der Notstand ausgerufen. Auch die Ausmaße des Unglücks mussten immer wieder nach oben korrigiert werden. Mittlerweile ist von einem rund 1 Million Kubikmeter großen Schlamm-Wasser-Gemisch die Rede, der sich in einem Gebiet von ca. 40 Quadratkilometern rund um die Ortschaften Kolontár und Devecser im Komitat Veszprém ausgebreitet hat und immer noch ausbreitet. Mittlerweile wird auch erste Kritik an den Behörden laut, die den Unfall offenbar nicht ernst genommen haben, so dass erst am Dienstag das staatliche Katastrophenamt damit begann, die Koordinierung zu übernehmen, obwohl sich der Unfall bereits Montagmittag ereignete.
In großer Panik wurden Einwohner der beiden betroffenen Orte evakuiert, nur schwere Bau- un dLandwirtschaftsfahrzeuge konnten auf den überfluteten Straßen noch fahren.
Durch die anhaltenden Hochwasser in der Region sind neben den kleineren Flüssen auch die Rába und sogar die Donau von einer Kontaminierung bedroht. Mittlerweile ist das Militär mit Hubschraubern eingesetzt, das sowohl „neutralisierende“ Flüssigkeiten verteilt als auch die geborstenen Dämme provisorisch mit Zement abdichten soll. Das staatliche Umweltamt sprach schon von „schwach radioaktiven und krebserregenden Stoffen“. Man nehme nun auch Kontakt zu Wissenschaftlern und Behörden auf Korsika auf, wo vor Jahren ein ähnlicher Unfall geschah. Ein Archivbild des Lagerbeckens vor dem Dammbruch
Betreiberunternehmen meldet sich spät und spielt herunter Erst 24 Stunden nach Beginn der Havarie meldete sich das Betreiber-Unternehmen Magyar Alumínium Rt. mit einer Mitteilung über ihre Webseite zu Wort. Dabei drückt das Management zwar das „tiefste Bedauern und Beileid“ aus, spricht aber tatsächlich von einer „Naturkatastrophe“ und davon, dass laut Luftaufnahmen mehr als 95% des Rotschlamms (so nennt man die Abwässer der Aluminiumproduktion) im Becken verblieben seien. Die Schuldfrage werde gerade durch Experten geklärt. Außerdem, so das Unternehmen, wird Rotschlamm „laut EU-Norm nicht als gefährlicher Abfall“ eingestuft. Gewöhnlicherweise besteht die rote Brühe aus bis zu 45% Eisenoxid, Aluminiumoxid, Siliziumoxid, Calciumoxid, Titanoxid und Soda.
Blick auf das Gelände der Aluminiumhütte Magyar Alumínium AG, Foto: ebenda
Unternehmen soll Kosten zahlen, – wenn es kann Der für Umweltschutz zuständige Staatssekretär stellte umgehend klar, dass allein das Unternehmen für sämtliche Kosten der Schadensbeseitigung aufzukommen habe. Dazu gehörten neben den Einsatzkosten der Rettungskräfte und der Versorgung der Verletzten auch die Reinigung und Reparaturen in den überfluteten Orten, die Abtragung der vergifteten Erde auf einem Band von 10-20 Kilometern, soweit möglich, die Reinigung der Gewässer und des Grundwassers sowie alle Kosten für Renaturierung und Aufforstung. Zoltán Illés schätzt grob, dass die Arbeiten Monate dauern werden und Zigmillionen Eruo kosten. Inzwischen wurde gerüchteweise vernommen, dass sich die ungarischen Betreiber des Werkes mit Tochtergesellschaften in Slowenien, Bosnien und weiteren Beteiligungen in Ungarn, über eine Off-Shore-Gesellschaft aus der Verantwortung stehlen könnten. Allein die Ankündigung einer solchen Insolvenz, so Illés, wäre bereits eine Straftat. Dennoch schließen die Behörden nicht aus, auch die EU um finanzielle Hilfen zu bitten.
Vier Menschen, darunter ein Kleinkind wurden bisher tot geborgen,
vier weitere Menschen wurden am Dienstagnoch vermisst…
Die Welle kam am Mittag
Die Katastrophe in den Ortschaften rund 35 km nördlich des Balaton begann am Montag Mittag. Eine bis zu zwei Meter hohe Giftschlammwelle schwappte durch die Orte und überschwemmte bis zu 250 Häuser. Dabei starben mindestens vier Menschen, vier weitere werden noch vermisst. Feuerwehrleute mussten eine Schule evakuieren, Straßen- und Schienenwege waren unpassierbar. Insgesamt wurden rund 500 Einwohner aus den Orten fortgeschafft, zum Teil mit Traktoren, weil andere Fahrzeuge nicht mehr durchkamen. Über einhundert Personen kamen in Krankenhäuser, über 40 sollen schwerere Verletzungen haben. Die Schlammmassen hinterließen eine Spur der Zerstörung, die Orte sehen aus wie nach einem Bombenangriff, Häuser sind zerstört, eine Gasleitung wurde ebenfalls beschädigt und stellte eine zusätzliche Gefahr dar. Mittlerweile rückte die ungarische Armee mit speziell ausgerüsteten Dekontaminierungseinheiten in die Orte ein, um zumindest die Straßen wieder befahrbar zu machen. Schienenverbindungen in der Region bleiben bis aus weiteres gesperrt. red.
Auf der Google-Satellitenkarte ist das Abfallbecken klar an seiner giftig-roten Farbe erkennbar (auf SAT klicken, dann Ausschnitt etwas hineinzoomen). Wer für die schlechte Befestigung der Umwandung verantwortlich ist, wird nun ermittelt. Das Becken gehört zur MA, der Magyar Alumínium Termelö és Kereskedelmi Rt.
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