(c) Pester Lloyd / 44 – 2010 BUDAPEST 02.11.2010


Vom Paten bis zur Nähmaschine
Besuche in den kleineren Museen von Budapest
Neben den großen Platzhirschen der Museumslandschaft, die uns den schier unüberschaubaren Kosmos der Schönen Künste oder der ungarischen Geschichte näher bringen wollen, bietet Budapest auch eine ganze Anzahl kleinerer Schauen zu Spezialthemen, teilweise an „Originalschauplätzen“. Kurzbesuche im Mafiamuseum, Postmuseum, Textilmuseum, Apothekenmuseum und anderen Sammlungen, die einen Bummel lohnen.
Das Mafia-Museum – Wachsfigurenkabinett der Realitätsverweigerung Ob Sizilien um die Jahrhundertwende herum oder Amerika in den dreißiger Jahren, das Mafia Museum entführt in die Welt des organisierten Verbrechens oder in das, was wir uns meistens darunter vorstellen. Als „Museum für die ganze Familie“ zeigt die dauerhafte Ausstellung die Entwicklung der italo-amerikanischen Mafia-Strukturen, die manchmal romantisch scheinende, aber immer brutal endende Historie der kriminiellen Prallellwelten und die Rolle der Drogen in der Welt der Mafiosi. Blutrünstig nachgebildet sind die Szenerien der Ermordung von Mafia-Bossen, aber auch der glitzernden Welt des Nachtlebens, der Bars und schönen Kleider wird genug Beachtung gezollt, in Form eines comicstripartigen Wachsfigurenkabinetts, das die Grenzen zur Lächerlichkeit genauso ignoriert wie die Mafia das Gesetz.
Die Beschränkung der Mafiaproblematik auf ein italo-amerikanisches Phänomen zeugt von staunenswerter Blindheit und/oder Ignoranz gegenüber der Realität und der dahinterstehenden Mechanismen. Ein paar Andeutungen auf heimische Geschichten gibt es, sie enden aber irreführenderweise mit der Überführung der Übeltäter durch die Staatsmacht. Vielleicht wollte es das Museum auch vermeiden, Geld für „Ausstellungsstücke“ zu investieren, die man tagtäglich auf den Straßen und in den Nachrichten präsentiert bekommt…
Wichtiger Bestandteil und auch ein wenig das Alibi des Mafia-Museums ist das Drogenpräventionsprogramm, bei dem mit interaktiven Maßnahmen – wie einer angeleiteten Diskussion und einem langen Film – die Ablehnung der Zuschauer gegenüber Drogen gestärkt werden. Mit einem individuell auf verschiedene Altersstufen zugeschnittenen Programm soll eine alternative Freizeitgestaltung erarbeitet werden, als wäre das schon alles, was es zur Vermeidung von Kriminalität bedarf.
Das Postmuseum – Entwicklung des Fernmeldewesens 1955 im Budaer Postpalast eröffnet, befindet sich die dauerhafte Ausstellung des Postmuseums seit 1972 in einem wunderschön restaurierten, unter Denkmalschutz stehenden Palais auf der Andrássy út. Die aus über 20.000 Gegenständen bestehende Sammlung enthält unter anderem historische Erinnerungsstücke der Post, des Fernmeldewesens, der Programmausstrahlung sowie die Geschichte der Nachrichtenübermittlung. Das Postmuseum besticht durch eine Sammlung von 67.000 Dokumenten und eine 15.000-teilige Bibliothek. Elf Ausstellungsräume und 2100 Quadratmeter voller Exponate und wechselnder Ausstellungen erwarten den Besucher. Außerdem beherbergt das Postmuseum seit 2000 die ständige Ausstellung „Museum im Museum“, die die Geschichte des Postmuseums auf anschauliche Weise darstellt.
Das Textil Museum – Auf den Spuren der Goldenbergers
Einen Einblick in die Geschichte der ungarischen Textil- und Konfektionsindustrie bietet die Goldberger-Fabrik, einst das Stammhaus des traditionsreichsten Familienunternehmens im ungarischen Textilgewerbe. Das Gebäude selbst stammt aus der Jahrhundertwende des 18.-19. Jahrhunderts, steht unter Denkmalschutz und beherbergt Objekte und Dokumente, Zeitzeugen der Textilindustrie-Entwicklung. Ein passenderes Gebäude hätte für dieses Museum nicht gefunden werden können, seit der Entstehung befand sich im Erdgeschoss eine Blaudruckmanufaktur, die obere Etage wurde von Familie Goldberger bewohnt. Die ersten Exponate des Museums dienten in den sechziger Jahren einer gewerblichen Ausstellung, die seitdem kontinuierlich vervollständigt wurde. Nach einem Umzug eröffnete das Museum 1999 seine Tore in der Goldberger-Residenz und beherbergt heute vier dauerhafte sowie Wanderausstellungen.
Schriftstücke, Gemälde und Fotografien sowie andere Ausstellungsstücke dokumentieren das Leben der Textil-Magnaten. Die zweite Dauerausstellung illustriert die Herstellung der Hausschuhe „Tutyi“ und „Pacsker“. Früher von der Mehrheit der Ungarn getragen dienen sie heute nur noch den deutschstämmigen Einwohnern Ungarns als Fußbekleidung. Die interessantesten der dreizehn an der Herstellung beteiligten Maschinerien sind ausgestellt. Die noch bis 1991 betriebenen Maschinen veranschaulichen die komplexe Herstellung; von Krempeln zu Spinnen, Stricken, Walken und schließlich Besohlen der Schuhe. „Textile Technologien“ umfasst Einrichtungsgegenstände, komplizierte Maschinen, originale Nähmaschinen und gut gemachte Kopien aus dem Mittelalter, dem 18., 19. und 20. Jahrhundert und verfolgt die Intention, Vielschichtigkeit und Komplexität der Textilherstellung aufzuzeigen. Die vierte Dauerausstellung behandelt die Geschichte der technischen Entwicklung des Textildrucks vom Blaudruck bis heute.
Das Millennium-U-Bahnmuseum Passender könnte das U-Bahn Museum nicht liegen. Unscheinbar ist es direkt an der Déak Ferenc Haltestelle, leicht zu übersehen aber dennoch bedeutungsträchtig. Ein ursprünglicher Tunnelabschnitt der Millennium-U-Bahn, seit 1955 nicht mehr in Benutzung beherbergt seit 1975 das Museum. In dieser glaubwürdigen Atmosphäre würdigt es die erste, 1869 eröffnete, Untergrundbahn Europas und erzählt gleichzeitig mit Exponaten wie Wagen, Unterlagen und Lichtbildern aber auch mit den originalen Wänden ihre Geschichte.
Eröffnet wird die Ausstellung in der Empfangshalle, mit dem Schriftzug „Gizella tér“, der alten Endhaltestelle der Millennium-U-Bahn. Darunter angebracht sind Schilder, die den Menschen gedenken, die die europaweit erste U-Bahn errichtet haben. Eine Marmortafel erinnert an Kaiser Franz Joseph, nach dem die Untergrundbahn benannt wurde.
Highlight der Ausstellung sind die Wagen 1,19 und 81 der Untergrundbahn, die aufwändig durch die aufgestemmte Decke mit einem Kran auf die Gleise gehievt wurden. Doch auch die Vitrinen voll alter Relikte, Unterlagen und Baupläne, Karten und Schemata wissen interessantes zu berichten. Attrappen und Lichtbilder informieren über den Bauvorgang als solchen und runden den Museumsbesuch zusammen mit unterschiedlichen Wechselausstellungen ab.
Das Kunstgewerbemuseum – Jugendstil und internationale Schätze
Von Gyula Pártos und Ödön Lechner entworfen und 1872 entstanden, ist das Kunstgewerbemuseum (wörtlich: Industriekunst, richtiger: angewandte Kunst) heute eines der schönsten Jugendstilgebäude Budapests und sein grün-gelbes, mit Majolikafliesen bedecktes Dach ein bekannter Teil des Stadtbildes. In den Innenräumen des Museums, das eigentlich zu den großen Häusern der Stadt zählt und hier nur wegen seiner Spezialitäten erwähnt werden soll, beeindrucken eine Orientteppichsammlung und zahlreiche andere nationale und internationale Ausstellungsstücke wie Wandteppiche, ungarische Trachten, italienische Fliesen, barockes Silber, wertvolle Keramik, die Esterházy Schatzkammer, Augsburger Goldschmiedearbeiten und französische Möbel. Nach dem „Museum im Museum“-Prinzip gibt es auch im Kunstgewerbemuseum eine Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Errichtung der Sammlung beschäftigt.
Zwischen Briefmarken und Schauspielkunst
Doch Budapest hat noch mehr zu bieten. Besuchen Sie zum Beispiel das Apothekenmuseum und entdecken nicht nur Objekte, Gefäße und Geräte vom 16. Jahrhundert bis zur barocken Apotheke sondern auch eine mühevoll rekonstruierte Apotheke des 18. Jahrhunderts, ein antikes Labor und die „Balta köz“, ein Mittelalterlicher Hinrichtungsplatz. Das Schauspielermuseum verspricht authentische Einblicke in die schimmernde Welt der Mimen. In der alten Villa von Bajor Gizi, eine der einflussreichsten ungarischen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts und langjähriges Mitglied des Nationaltheaters, findet man Erinnerungsstücke von beinah 300 ungarischen Schauspielern. Das Briefmarkenmuseum beherbergt alle Briefmarken der Welt sowie seltene Exponate wie die ungarische „umgekehrte Madonna“, die größte und kleinste Briefmarke der Welt und eine ansehnliche Sammlung gefälschter Briefmarken. Einblicke und Grundverständnis in das Themenfeld der Elektrizität gewähren uns Experimentiergeräte, ausgestellt im Museum für Elektrotechnik.
Achtung: Fast alle Museen haben montags Ruhetag!
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