(c) Pester Lloyd / 14 – 2010 WIRTSCHAFT 08.04.2010

Vorsichtiger Optimismus und alte Beschwerden
Die deutschen Investoren bewerten die Lage in Ungarn
„Über den Berg, aber noch längst nicht wieder auf der Höhe“ – Unter diesem Motto lud die Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK) zur Vorstellung der Ergebnisse ihrer jährlichen Umfrage ein. Die Lage ist ernst, die Aussichten sind bescheiden, doch die langfristig planenden Investoren sind bezüglich ihrer Standortentscheidung so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen. Viel mehr als eine denkbare national-protektionistische Wirtschaftspolitik der kommenden Regierung regen die Manager die aktuelle Intransparenz, Korruption und das unsägliche Steuersystem auf.
Der Konjunkturbericht erscheint in diesem Jahr bereits zum 16. Mal und fußt auf der Beteiligung von 174 überwiegend deutschen Unternehmen. So will man ein Stimmungsbild über die aktuelle wirtschaftliche Lage und die konjunkturellen Erwartungen der Investoren vermitteln. Gleichzeitig geht es auch um die Investitionsbedingungen in Ungarn.
Ungarn als Investitionsstandort und Wirtschaftspartner
„Über den Berg“ ist man, da sich die Stimmung unter deutschen und ausländischen Unternehmen nach der Krisendepression des letzten Jahres wieder deutlich erholt hat. Doch die alten Spitzenwerte liegen derzeit noch in unerreichten Höhen. Zwei Drittel der Unternehmen sehen die ungarische Wirtschaft nach wie vor in schlechter Lage und auch die Konjunkturerwartungen für das laufende Jahr sind negativ. Nur jedes sechste Unternehmen rechnet mit einer Verbesserung; fast ein Drittel geht von einer Verschlechterung aus.
Kein Wunder, denn die pessimistischen Vorhersagen der vorigen Umfrage haben sich im letzten Jahr voll bestätigt. Umsätze und Gewinne gingen zurück, es wurde weniger exportiert und so hielten sich natürlich auch die Investitionsausgaben in Grenzen. „Prognostizierter Rückgang auf erwartetem Niveau“ schimpft sich das.
Nun spricht Kommunikationsleiter Dirk Wölfer von einem „vorsichtigen Optimismus“ für 2010, denn fast jedes dritte Unternehmen rechnet damit, dass sich die eigene Geschäftslage wieder verbessert. An den Investitions- und Beschäftigungsplänen lässt sich allerdings nicht gerade viel Zuversicht ablesen. Fast zwei Fünftel der Unternehmen werden ihre Investitionen reduzieren, während auf dem stark gebeutelten ungarischen Arbeitsmarkt auch im Jahr 2010 keine Entlastung zu erwarten ist.
Bewährte Tugenden und alte Beschwerden
Wie sieht es mit dem allgemeinen Investitionsklima im Land aus? Bei den Faktoren, die den Arbeitsmarkt prägen, steht Ungarn nach wie vor gut da. Wer hier arbeiten will, muss sich richtig reinhängen und spürt dabei schon den Atem der nächsten Fachkraft im Nacken. Das mögen die Unternehmer. Kritik hagelt es allerdings auf alle von der Wirtschaftspolitik zu verantwortenden Bereiche.
Die politische Stabilität Ungarns wird noch immer negativ beurteilt, doch die Stimmung ist angesichts der relativ stabilen Arbeit der Regierung Bajnai nicht mehr ganz so negativ wie Anfang letzten Jahres. Hauptproblem für die Investoren ist die Stagnation in den Bereichen, mit denen sie seit Jahren unzufrieden sind. Bürokratie, Korruption und Transparenz bei öffentlichen Ausschreibungen sind Schlagwörter, die hier immer wieder fallen. Für absolutes Unverständnis sorgt immernoch das Steuersystem.
Trotzdem stellt der Konjunkturbericht Ungarn als eine „attraktive Alternative – neben anderen“ dar. In großer Mehrheit würden sich Investoren auch heute wieder für Ungarn entscheiden. Entgegen aller Gerüchte über eine bevorstehende Abwanderung deutscher Unternehmen, bestätige dies erneut, dass deutsche Investoren ein langfristiges Engagement in Ungarn planen und sich von vorübergehenden konjunkturellen Einflüssen nicht aus der Ruhe bringen lassen würden. Unter den alternativen Investitionsstandorten liegt Ungarn dieses Jahr auf Platz vier der 19 MOE-Länder und konnte somit teilweise wieder Plätze gutmachen. Polen ist erstmals top, da es unter den wirtschaftlichen Krisenbedingungen eine außergewöhnlich gute Leistung zeigte.
Die Wahl macht niemanden heiß
Das Krisenmanagement der Regierung wird von den Unternehmen im Vergleich zur letzten Umfrage deutlich mehr geschätzt. Hilfsangebote von Regierungsseite wurden allerdings kaum in Anspruch genommen. Auf die Frage, ob das Ergebnis der kommenden Parlamentswahlen Einfluss auf ihr Investitionsverhalten haben wird, antworteten zwei Drittel der Unternehmen mit „überhaupt nicht“ oder „kaum“. Es bleibt abzuwarten, ob man das immernoch so entspannt sieht, wenn die Rechten und Nationalkonservativen den viel propagierten „ungarischen“ Weg einschlagen und die Chancengleichheit für ausländische Unternehmen dabei auf der Strecke bleibt.
Den kompletten Konjunkturbericht kann man sich hier auf der Webseite der DUIHK herunterladen.
Matthias Wahsner
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