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(c) Pester Lloyd / 01 - 2010  KULTUR 08.01.2010

 

Kommentar & Hintergrund

Pathos und Event

Die Kultur(haupt)stadt Pécs 2010 - eine Chance zur Selbstfindung

Marktschreierische Übertreibungen und historische Schizophrenie, übelmeinende Medien und hauseigene Versäumnisse. Dass Pécs 2010 überhaupt stattfindet, ist schon ein kleines Wunder, in einem Land, dass im Moment mit sich selbst vollkommen überfordert ist. Wir sollten uns freuen, dass Pécs das Geld und die Möglichkeiten erhält, um aus seinem "Dornröschenschlaf" zu erwachen, auch wenn die Aufwachphase länger dauert als anderswo.

Pécs am 30. Dezember 2009, bei einem Balkan-Pre-Silvester-Event in der Innenstadt

"Pécs. Dem nach Wissen Dürstenden eine Werkstätte, dem Reisenden ein Kanaan, dem hier Lebenden die Mitte der Welt. - Es gibt einen Winkel in der Welt, wo die Botschaft des Renaissance-Menschen Janus Pannonius bis heute in den Herzen weiterlebt. In der Mitte Europas, am Tor des Balkans beginnt der Mandelbaum der mediterranen Welt bereits im Winter zu blühen..." - aus der offiziellen Webseite der Stadt Pécs.

Es gibt in der Kulturhauptstadt Pécs 2010 natürlich eine schreiende Diskrepanz zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und der erlebbaren Realität, wie bei allen staatstragenden Projekten, noch dazu solchen, die internationale Wirkung entfalten sollen. Und es ist auch klar, dass Pécs als Kulturhauptstadt neben solchen urbanen Giganten wie Essen samt dem Ruhrgebiet und Istanbul der Juniorpartner sein wird. Ein Riesenfehler ist es da, sich auf einen Wettbewerb einzulassen, den man schon aufgrund seiner Grundausstattung verlieren muss, auch wenn man einen bekannten Tenor als Maskottchen gewinnen konnte. Diesen Fehler hat man aber schon begangen und zahlt nun die Zeche.

Histo-Schizophrenie im Umgang mit Geschichte und Gegenwart

Mit der durch die Organisatoren ständig verbreiteten Meldung von dem "grenzenlosen, multikulturellen" Pécs hat man selbst den Mund voller genommen als nötig und nützlich, denn nicht einmal Budapest kann für sich beanspruchen, im Sinne ethnischer Vielfalt und(!) Toleranz multikulturell zu sein; dass in Pécs neun Minderheitenselbstverwaltungen registriert sind, bedeutet wenig, Ungarn ist durch und durch Magyarisch und das hat seine Gründe eben auch in der multikulturellen Vergangenheit des Landes und der Stadt, die, weil sie eine europäische Stadt ist, zwangsläufig war. Was heute zu besichtigen ist, sind Reste, ein Museum der europäischen Völkergeschichten in einem beschaulichen, manchmal mediterran anmutenden Städtchen von 165.000 Einwohnern, dass mehr als genug Qualitäten aufweist, um auf hochtrabende Behauptungen verzichten zu können.

Folgende Ausführungen auf der offiziellen Homepage der Stadt Pécs belegen am deutlichsten den schizophrenen Umgang der Stadtherren mit ihrer Geschichte: "In der Vergangenheit lagerten sich hier lateinische, türkische, deutsche, kroatische und ungarische kulturelle Schichten aufeinander ab, wobei die Stadt heute der wichtigste Ort für deutsche, kroatische und Roma Kultur in Ungarn ist. (...) In Pécs und in ihrer Region fand und findet die Berührung von im allgemeinen nicht miteinander verkehrenden Kulturen statt, ... (...) Das Miteinanderleben der Kulturen wird durch den türkischen Halbmond und dem katholischen Kreuz an der Kuppel der Dschami am verständlichsten symbolisiert."

Die Stadt ist also eine Ansammlung von Ablagerungen, wobei die ungarische Schicht die oberste darstellt - und das siegestrunkene Einrammen eines christlichen Kreuzes im Dativ in einen islamischen Halbmond dient als Symbol des "Miteinanderlebens" der Kulturen. Wir wollen es bei dieser Illustration orientierungslos-neurotischen Pathos´mit dem Hinweis bewenden lassen, dass anderswo die Kulturen viel ausschweifender "miteinander verkehren" als man sich das in Pécser Amtsstuben vielleicht vorstellt.

Bauarbeiten einstellen und Harfe spielen für westliche Medien?

Wenig hilfreich für eine geerdete Selbstfindung sind neben dem überflüssigen Marketingsprech der Veranstalter auch Berichte und überhebliche Darstellungen aus dem Westen, wie jene am 4. Januar aus dem Südosteuropa(!)-Studio der ARD für die Tagesschau. Dort wird berichtet, dass "das Bild der Kleinstadt noch von Bagger und Presslufthammer bestimmt" wird. Das stimmt, nur selbst nach deutscher Definition ist Pécs eine Großstadt und viele der größeren Projekte haben den Fertigstellungstermin Mai-Juni. Weiter: "Pécs" sei "ziemlich brachial aus seinem Dornröschenschlaf an der Peripherie wachgerüttelt" worden und "erst passierte jahrelang gar nichts." Eine ziemlich uninformierte Feststellung. Es passierte nämlich eine ganze Menge: Misswirtschaft, Postenschacher, Abgänge von Organisationskomittees etc., das ganze ungarische Programm. Aber ganz nebenbei hatte Pécs auch in den letzten 20 Jahren eine Geschichte, auch wenn die ARD das nicht mitbekommen haben sollte.

In der Tagesschau wurde resümiert: "Pécs, die Unfertige. - Von Bagger und Presslufthammer traktiert, nicht von der Muse geküsst." Was soll dieses öffentlich-rechtliche Herunterputzen von den genetisch genialen teutonischen Meister-Organisatoren? Soll man die Presslufthämmer fallen lassen und Harfe spielen, damit die ARD ein fertigeres Bild bekommt? Die Stadtoberen und das Organisationskomittee sollten jetzt an ihren Taten gemessen werden, nicht an den Ansprüchen durchsubventionierter deutscher Medienanstalten. Pécs, die Unfertige - Gott sei Dank!

Eine alte Ansichtskarte von Pécs aus dem ungarischen Schicksalsjahr 1921.
Nicht wenige der Stadtoberen sind scheinbar genau da stehengeblieben.

Ganz Ungarn ist im Moment mit sich selbst überfordert, warum sollte das in Pécs anders sein?

Richtig immerhin die Feststellung, dass die ortsansässigen ethnischen Minderheiten als Aushängeschild herhalten müssen. Sie landen als Steckenpferd in jeder Presseaussendung, werden aber sonst eher vernachlässigt. Hier und da gibt es ein paar Projektförderungen, ansonsten spielen sie eher nur dann eine Rolle, wenn man sich mit ihnen schmücken kann. Das hat gesellschaftliche Hintergründe, die man im Westen gern übersieht, und eben dieses Übersehen ist ein nicht geringer Teil des Übels.

In Ungarn herrscht in weiten Teilen ein gezüchteter, fast krankhafter, gleichzeitig irrationaler Nationalismus, der einem tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühl und allgemeiner Unzufriedenheit entspringt. Mag der Größenwahn mit Trianon 1921 zusammenhängen, die Unzufriedenheit hat mit der einseitigen Gesellschafts- sprich Marktentwicklung seit 1989 zu tun. Ungarn ist mit sich selbst überfordert, Körper und Seele dieses Volkes wandeln, ja stolpern voneinander losgelöst. Das merkt man nicht nur am Erstarken der rechtsextremen Partei Jobbik, sondern auch auf der Autobahn.

Multikulturalität wird hierzulande als Folklore definiert und geduldet, Selbsthass verhindert die notwendige Eigenliebe, um anderen Ethnien (Menschen) gegenüber wirklich tolerant zu sein, man ist es nicht einmal den Bürgern des Landes gegenüber, egal ob sie Roma sind oder Schwule. Warum sollte es in Pécs anders sein? Der Bürgermeister der Stadt, Zsolt Páva gehört zu der Partei (Fidesz), die seit Jahren die Spaltung der Gesellschaft als Programm betreibt. Wenn er sich mit Roma-Vertretern abbilden lässt, ist das zynisch. Die Sozialisten dürfen sich anrechnen lassen, dass sie Zustände geschaffen haben, die die Saat von Hass und Missgunst gedeihen lassen. Die ganze Poltitik der "Sozialisten" war zynisch. Im Lichte dessen, was sich in Ungarn abspielt, darf man eigentlich froh sein, dass Pécs 2010 überhaupt stattfindet. Der schale Beigeschmack gehört zum Gericht.

Blick in das Zsolnay Viertel, dass zum kreativen Zentrum der Stadt werden soll

Die Stadt hat ein Recht auf eine längere Aufwachphase

Wer Pécs persönlich kennt, wird es auf seine Art empfehlen. Fröhliches Studentenleben, historische und architektonische Entdeckungsmöglichkeiten, gute Weine in der Umgebung, der Charme des Mecsek-Gebirges, Zsolnay und Pannonius, entspanntes Flanieren, Theater und Konzert, laue Frühlings- und Sommernächte in Gartenlokalen. Alles Eigenschaften einer rundum angenehmen Stadt, die ebenso angenehme, wenn auch zur Zeit oft vom Leben gestresste Menschen beherbergt. Wer die Programme des Kulturhauptstadtjahres nutzt, um sie als Anlass für ein Kennenlernen mit Pécs zu nehmen, wird nicht enttäuscht sein, weil er nicht zu viel erwartet. Ansonsten sollte man sich einfach freuen, dass Pécs das Geld und die Möglichkeiten bekommt, um aus seinem "Dornröschenschlaf" zu erwachen, auch wenn die Aufwachphase länger dauert als anderswo.

Damit tut man sich und der sympathischen Kleinstadt in der Mitte Europas einen großen Gefallen, nicht mit abstrusen Vergleichen mit den übergroßen Mitstreitern: einem millionenvollen Ruhrgebiet im vergleichsweise steinreichen Deutschland und dem Zivilisationskessel Istanbul, der jahrtausendealten Kulturhauptstadt per se. Pécs sollte - wie das Land - lieber zu sich selber finden, nicht als Hauptstadt, das wird sie auf keinem Gebiet, aber als Kulturstadt, die sie war und wieder werden kann. Dieses Jahr, mit seinen vorprogrammierten Übertreibungen und Showeffekten mag da ein Anstoss sein, der hoffentlich nicht durch Selbstzufriedenheit und Größenwahn wieder zum Hemmschuh wird.

Die Frage für Pécs ist ja am Ende nicht die nach "Sekt oder Selters?", sondern die nach gutem Wein, der nach schäumender Gärung viel Ruhe braucht, - meist mehr als ein Jahr.

ms.

www.pecs2010.hu
 

 

 

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