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(c) Pester Lloyd / 11 - 2010 BUDAPEST 16.03.2010
Lebendiger Kiez
Das „Sirály“, ein echter Multi-Kulti-Szenetreff im Jüdischen Viertel von Budapest
„Klar ist das jüdische Viertel hipp, und zwar wegen uns!“, ist die unbescheidene Ansage Adam Schönbergers, seines Zeichens Betreiber des Sirály in der Király utca
50. Hier ist in einem ehemaligen Buchladen eine Kultur-Oase entstanden, die grünt und blüht. Die „Möwe“ versteht sich als Begegnungsstätte der alternativen
Szene und bietet Raum für Konzerte, Ausstellungen, öffentliche Diskussionen oder auch Theateraufführungen. Vor allem aber bringt sie Menschen zusammen.
Wenn man Adam Schönberger gegenüber sitzt, wird schnell klar, dass der Mann vor
lauter Ideen nur so sprudelt, und so bemüht sich Eszter Susan, die hinzugestoßen ist, seine Gedanken zu ordnen. Das Sirály existiert in seiner jetzigen Form seit drei Jahren
nach dem Prinzip eines besetzten Hauses. Vorher stand das Gebäude ewig leer, so dass die Stadt die freie Nutzung als Kulturzentrum letztendlich unterstützte. Bezahlen muss
das Kollektiv um Adam lediglich die Heiz-, Strom- und Wasserkosten, was es auch ermöglicht, das Sirály kostenlos NGOs für deren Veranstaltungen zu überlassen.
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Da das jüdische Leben im Viertel nicht in der Synagoge abläuft, wo sich laut Eszter nur
der harte Kern der Gemeinde trifft, geht es im Sirály vor allem darum, traditionelle jüdische Elemente in die Alltagskultur mit einzubinden. Das lässt sich zum Beispiel schon
an der Gestaltung der Lampen im Café erkennen. Schweift der Blick weiter, begegnen einem vor allem bunte Streetart-Motive, die auf den subkulturellen Charakter des
Sirálys hinweisen. Hier trifft sich die Untergrund-Kunstszene, um sich auszutauschen. In entspannter Atmosphäre unterhalten sich Gäste bei Kaffee oder Bier im Erdgeschoss,
während Literaturinteressierte in der hauseigenen Bücherei stöbern. Per Wendeltreppe gelangt man entweder nach oben, wo Bilder und Fotos ausgestellt werden oder in den
Keller, der die Theaterbühne beherbergt.
In diesem Rahmen versuchen Adam und
Eszter einen Bezug zu ihrer Geschichte und jüdischen Traditionen, die sonst kaum noch gepflegt werden, herzustellen. Indem man jüdische Feiertrage neu interpretiert, zieht
man junge Menschen an, die sich sonst nicht damit beschäftigen würden. „Hier ist vielleicht ein Viertel der Juden aktiv, doch der Rest traut sich nicht einmal, für seine
Abstammung einzustehen“, so Eszter, was in der momentan herrschenden politischen Stimmung zwar nicht verwunderlich ist, was jedoch gerade jetzt auch Not täte. Es gilt
zu zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, mit jüdischen Traditionen umzugehen, und so können auch Vorurteile abgebaut werden. So sieht Adam Schönberger im Sirály auch
einen Zufluchtsort, der auf gegenseitigem Respekt basierend einen kulturellen Austausch ermöglicht. Auf jeden Fall sollte man am ersten April das Pessach-Fest hier nicht versäumen, rät er.
Weitere Projekte, an die Adam gern erinnert, sind das im August stattfindende „Bánki
Tó Fesztivál“ in Bánk sowie das „Quarter6 Quarter7 Festival“ im jüdischen Viertel während des achttägigen Hanukkah-Festes. Mit diesen beiden Veranstaltungen wurden
innovative kulturelle Vernetzungsmöglichkeiten geschaffen. Das Bánkitó funktioniert als eine Art Sommercamp, das neben Konzerten und Theateraufführungen auch zahlreiche
Workshops anbietet. Adam geht es dabei gleichermaßen darum, die Roma-Minderheit einzubeziehen. Wer sich genauer für das „Quarter6 Quarter7“ interessiert, ist am
besten damit beraten, sich gleich das ganze Programmheft, welches im Sirály ausliegt, zu besorgen. Nur soviel: vom 11. bis zum 19. Dezember tragen über 30 Locations im
Jüdischen Viertel ihren Teil zum großen Wunder des Lichterfestes bei, indem sie die Geschichte des Viertels neu beleben. Wer wissen möchte, wie sich das anhört, kann
unter http://www.myspace.com/hagesher schonmal den Klängen von Adams Band „Hagesher“ (dt. Brücke) lauschen.
Matthias Wahsner
Infos zu den vielfältigen Programmen finden sich auf der Webseite: www.siraly.co.hu
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