(c) Pester Lloyd / 26 – 2008 WIRTSCHAFT 20.06.2008

Ein Stern am Ende des Tunnels: Mercedes baut sein neues Werk in Ungarn.
Der Jubel war ebenso groß wie das Erstaunen, dass die Fachwelt im In- und Ausland erfasste, als Mercedes seine Entscheidung für Kecskemét als neuen Produktionsstandort für die A- und B-Klasse Modelle bekannt gab.
„Ausgerechnet Ungarn“ rieb sich zum Beispiel das Handelsblatt verwundert die Augen und fragte, warum sich Ungarn gerade gegen Mitbewerber Rumänien durchsetzte, „wo die niedrigsten Löhne der drei Standortkandidaten gezahlt werden“. Die Absage war für Rumänien „wie ein Schlag ins Gesicht“.
Auch Polen gehörte zu den Kandidaten und – allerdings mehr als noch zu abenteuerliches Planspiel – Serbien, auch wenn darin der europapolitisch größte Reiz gelegen hätte.
In Ungarn hatten vor allem zwei Personen zu feiern: neben dem Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt Kecskemét, der nun die Segnungen eines Großinvestors in der eigenen Stadt zu spüren bekommen wird, sowie und vor allem: Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány, der in letzter Zeit wahrlich selten Grund zu Jubel gehabt haben dürfte.
Seine Koalition ist zerbrochen, seine Partei schwimmt und nicht wenige wären ihn am liebsten ganz los. Die aufgrund desolater Staatsfinanzen notwendigen Reformen, gescheiterte Volksabstimmungen bei gleichzeitiger enormer Teuerung brachten das Land in eine Depression, die Wirtschaft an den Rand der Stagnation. Eine Umfrage der Népszabadság hatte gerade ergeben, dass sich der Nationalstolz der ewig stolzen Ungarn auf Kellerniveau befindet. Doch nun kommt Mercedes.
„Größte Investition in der Geschichte des Landes“
Ein Stern, der einen Ruck auslöste. Vorerst zumindest beim Ministerpräsidenten, der gleich einem Jubelschrei von „der größten Investition in der Geschichte des Landes“ sprach, gleichzeitig aber zugab, den Rahmen der seitens der EU zulässigen Subventionen „bis zum größtmöglichen Betrag“ ausgereizt zu haben. (Man spricht in ung. Medien von deutlich über 20 Mrd HUF, das wären rund 83 Mio EUR also rund 10% der geplanten Investitionssumme). Doch das werden Polen und Rumänien ebenso getan haben. Unter allen Fachleuten galt noch bis einen Tag vor der Entscheidung der Deutschen das rumänische Timisoara als klarer Favorit. Man vermutet nun, dass Mercedes, die mit Ungarn überhaupt den ersten produktiven Schritt nach Osteuropa gehen, kleines Risiko fahren will. Denn aus kosten- wie marktpolitischer Sicht „hätte Daimler eigentlich gleich nach Russland gehen können“, resümierte Manfred Schönleber, Autoexperte der Unternehmensberatung BBK gegenüber dem Handelsblatt und sieht die Entscheidung der Stuttgarter fast als anchronistisch an. Schliesslich, so Schönleber, „zieht die Karawane alle drei bis vier Jahre um 500 bis 1000 Kilometer weiter. Der Trend verschiebt sich inzwischen von Rumänien, Tschechien und Polen in Richtung Bulgarien und Ukraine.“
Was spricht eigentlich für Ungarn?
Was spricht dann aber für Ungarn? „Wir planen zur nachhaltigen Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und um die Markt-Potentiale in Osteuropa zu erschließen, ein neues Werk in Ungarn“, so Dieter Zetsche, Vorstandschef der Daimler AG. Die Entscheidung für Ungarn ist daher eigentlich ein Ritterschlag. Daimler erklärt das Land eines Premiumherstellers für würdig. Der Stern ist und war (vielleicht bis auf der Knieschuss mit Chrysler) eine Ausgeburt an Solidität, Verlässlichkeit und Sicherheitsdenken und suchte sich einen Ort, der die noch relativ niedrigen Lohnkosten des Ostens mit den Vorzügen einer sehr guten Infrastruktur und dem hohen Qualitätsniveau der großen Zulieferer verbindet. Diese sind in Ungarn durchweg vertreten und bieten hier das gleiche Niveau wie in Deutschland oder anderswo in Westeuropa.
Die Stuttgarter sprechen von einer Gesamtinvestition von 800 Mio EUR und planen mit rund 2.500 Mitarbeitern. Gleichzeitig beruhigt man die deutschen Gewerkschaften und sichert 600 Mio für das Werk in Raststatt zu. Ab 2012 sollen in Kecskemét jährlich bis zu 100.000 Fahrzeuge der neuen A- und B-Klasse vom Band laufen. Die spätere Produktion von größeren Klassen ist ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Mit Zulieferern und sonstigen Dienstleistern könnte das für die Region bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze bedeuten, rechnet auch die Regierung. Vier Großkonzerne bauen Autos in Ungarn: Fachkräfte sind knapp
Daimler ist damit der vierte Autoriese, der in Ungarn produzieren wird. Seit 1990 ist Audi mit einem rieisigen Motorenwerk für den ganzen VW-Konzern in Györ vertreten, in dem auch die TT´s und das neue A3 Cabrio gefertigt werden. In Esztergom produziert Suzuki Kleinwagen und in Szentgotthard baut Opel Motoren und den Vectra. Daher ist es in der Region auch zu einem durchaus spürbaren Mangel an Facharbeitern gekommen, obwohl gerade Ungarn mit hochqualifizierten Schraubern und Fräsern bisher immer gut ausgestattet war.
Den Unternehmen verlangt die Suche nach geeigneten Fachkräften schon heute eine Menge ab. Experten berichten davon, dass nur rund jeder zwanzigste Bewerber tatsächlich geeignet ist, hinzu kommt, dass die Ungarn nicht gerade als sehr umzugsfreudig gelten und einiges an Boni und Lockangeboten – u.a. auch höhere Löhne – aufgeboten werden müssen, um sie z.B. von Ost- nach Westungarn zu holen.
Audi saugt sich seinen Nachwuchs z.B. durch die Gründung einer eigenen Fakultät an der TH Györ an. Auch in Kecskemét gibt es eine Drei-Fakultäten-Fachhochschule, derer sich nun Mercedes annehmen kann, ja muss. Arbeiter aus Rumänien zu holen, ist zwar möglich, aber – wie die Erfahrungen anderer Hersteller gezeigt haben, mehr eine Notlösung.
Die Region Bács Kiskun mit der Hauptstadt Kecskemét, bisher bekannt als Tor zur Puszta und der Obstgarten Ungarns (einizger Premiumhersteller war bisher hier die Palinka-Manufaktur von Zwack) wird, ähnlich wie Györ, in einer profitablen Abhängigkeit von einem Großkonzern einen gewaltigen Aufschwung nehmen. Die Zukunft des ganzen Landes kann jedoch auch Mercedes – als Stern am Ende des Tunnels – nicht sicher stellen, das können nur die Ungarn selbst.
Fotos: A-Klasse, B-Klasse – Daimler AG, Collage: Pester Lloyd
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