(c) Pester Lloyd / 22 – 2009 GESELLSCHAFT 28.05.2009
Ein ins Herz gestochenes Land?
Schneller als die Polizei: ein Film klärt und erklärt den Mordfall des Handballers Cozma auf seine Weise
„Bleibt diesem Land noch so viel menschliche Würde, Ehre, dass es sich, dass es seine Freunde vor denen beschützt, die weder Moral noch Gesetz kennen?“ Diese Frage spiegelt vieles wider: Hilf- und Fassungslosigkeit, Trauer, Wut. Emotionen, die einem in den Kopf schießen, wenn ein junger Mensch viel zu früh stirbt. Regisseur Gábor Kálomista benutzt sie jedoch auch als Eingangsworte für seinen Film „Szíven szúrt ország – Ins Herz gestochenes Land“ und klagt damit direkt einen bestimmten Teil der ungarischen Bevölkerung an. Als der Veszprémer Handballspieler Marian Cozma in den frühen Morgenstunden des 8. Februars 2009 bei einer Diskothekenschlägerei durch einen Messerstich ins Herz so schwer verletzt wird, dass der 28-jährige Rumäne kurze Zeit später im Krankenhaus stirbt, ist halb Ungarn sprachlos. Wie konnte das passieren? Veszprém war doch immer das schöne, verschlafene Städtchen, in dem zwar nicht viel passierte, es sich aber gut leben ließ, die Welt noch in Ordnung und eigentlich jeder glücklich war – bis zu jener besagten Nacht. In jeder Zeitung las man, in jeder Nachrichtensendung sah und hörte man neue Details zu dem Fall und als sich herausstellte, dass die drei Hauptverdächtigen Roma waren, goss das weiteres Öl ins Feuer. Plötzlich tauchte immer häufiger dieses Wort auf: „Zigeunerkriminalität“.
Seit der Tat waren gerade einmal drei Monate vergangen, als am 7. Mai der Film „Szíven szúrt ország – Ins Herz gestochenes Land“ in die ungarischen Kinos kam. Produzent und Mitregisseur Gábor Kálomista verkündet, dass er auf Basis von 30 Interviews mit Betroffenen darstellen werde, was in der tragischen Nacht wirklich passiert sei. „Wir stellen keine polizeilichen Nachforschungen an, wie formulieren vielmehr auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Dokumente, was unserer Meinung nach passiert sein könnte“, ließ er verlauten. Unterstützung für sein Projekt erhielt er von bekannten ungarischen Schauspielern wie Szonja Oroszlán und Sándor Csányi, die Szenen der fatalen Schlägerei nachstellten.
Weniger Hommage, vielmehr Anklage
Die in Sequenzen fast an einen Spielfilm erinnerende Darstellung wäre an sich wohl wenig problematisch – Kálomista ist nicht der erste Regisseur, der diese Technik wählt, um den Zuschauer enger ins Geschehen einzubinden – wäre da nicht die Tatsache, dass er seinen Film so schnell abdrehte, dass noch nicht mal die offiziellen polizeilichen Untersuchungen abgeschlossen waren. Der Grund für das rekordverdächtige Tempo ist offensichtlich: Noch ist die Erinnerung an die Ereignisse präsent, noch werden die Gefühle der Menschen angesprochen.
Doch gerade in der überhasteten Zusammenstellung der vermeintlichen Tatsachen liegt das Dilemma von „Szíven szúrt ország“. Der Film hätte einfach eine Hommage werden können, eine letzte Möglichkeit für alle Betroffenen noch einmal Abschied zu nehmen vom „großen Vogel“, wie Cozma von seinen Mitspielern scherzhaft genannt wurde, dem attraktiven, stets gut gelaunten Erfolgshandballer. Man hätte ihm ein Denkmal setzen können – für seinen Einsatz im friedlichen Miteinander verschiedenster Nationen in einer Mannschaft.
Stattdessen versucht die Dokumentation das Geschehen gesellschaftskritisch aufzuarbeiten – und bleibt dabei so flach und oberflächlich, zwischen weinenden Männern und Anschuldigungen hin- und herspringend, dass sich der Zuschauer kaum des Eindrucks erwehren kann, dass der Regisseur sich selbst nicht sicher ist, welche Aussage er treffen möchte. In Ermangelung offizieller Ermittlungsergebnisse stellt man eigene Vermutungen an: Vielleicht war der Tod Cozmas ja doch nicht bloß die Eskalation einer Prügelei, sondern vielmehr von einer 30-köpfigen „Zigeunergruppe“ geplant! Dass es keine Beweise für diese Behauptung gibt, selbst die interviewten Augenzeugen mit keinem Wort diese Behauptung untermauern können, scheint nicht so zu stören. Kálomista geht noch einen Schritt weiter und kann der Verlockung nicht widerstehen die Tat der vermutlichen Einzeltäter auf ihre Volksgruppe zu projizieren: die Roma. Spätestens nach dem Hinweis, dass es während des Kommunismus einen Justizzweig für die Behandlung von „Zigeunerkriminalität“ gegegeben habe, wird klar, in welche Richtung der Film marschiert.
Ausnutzung der aktuellen Stimmung
„Wir hätten den Film auch dann gedreht, wenn die Täter keine Roma gewesen wären“, behauptete der Regisseur bereits vor dessen Vorstellung. Doch der Inhalt der Dokumentation impliziert das Gegenteil. Es lässt sich das Gefühl nicht abschütteln, dass er gerade aus dem Grund und auf diese Weise gedreht wurde, weil sich dadurch ein gewisses Zuschauerpotential ansprechen lässt – Menschen, die der Meinung sind, dass solche Vorkommnisse gerade der Beweis dafür sind, dass „Zigeunerkriminalität“ schärfer verfolgt werden müsse. Auf wen sonst könnte die Bezeichnung „Feinde von Moral und Gesetz“ abzielen? Die Anklage kann kaum mehr als subtil bezeichnet werden, die Unterschiede zwischen dem neben Vajda arrangierten Rotweinglas und gutgekleideten Anwälten ist zu eindeutig, als das sie nicht beabsichtigt sein könnte.
Wären die Filmmacher an einer fairen Darstellung der Umstände interessiert gewesen, hätten sie auf derart einseitige Klischees, Andeutungen und Anschuldigungen verzichtet, sondern vielmehr auch Romavertretern die Möglichkeit gegeben sich zu den Vorkommnissen zu äußern und sich von den Tätern zu distanzieren. Daran hatte Kálomista offensichtlich kein Interesse. Er lässt die romastämmige EP-Abgeordnete der SZDSZ, Victória Mohács, zwar zu Wort kommen um den Eindruck einer objektiven Beurteilung aufrecht zu erhalten, rückt sie durch provozierende Fragen jedoch ins Licht der ignoranten, uneinsichtigen Romaverteidigerin, die die wahrem Umstände und Ausmaße der Tat nicht einschätzen kann. Kálomista nutzt die aktuelle Stimmung in der Bevölkerung schamlos aus, um die ungarische (und auch die rumänische) Bevölkerung ins Kino zu locken.
„Es ist nicht unser Ziel, dass wir bei den Zuschauern Wut provozieren“ meine Gábor Kálomista zu „szíven szúrt ország“. Dass es aber gerade Filme wie der seinige sind, die die ungarische Gesellschaft weiter spalten werden, ignoriert er bewusst.
Die Medien spielen das Spielchen mit und schaukeln sich in letzter Zeit mit ihren Berichten über „Zigeunerproblematik“ gegenseitig hoch, dass die objektive Beschreibung krimineller Sachverhalte fast unvorstellbar geworden ist. Ob linke oder rechte Presse, ob im anklagenden oder im verteidigenden Sinne: Die Tatsache, dass Täter Roma waren, wird nicht nur erwähnt, sondern bis ins kleinste Detail ausdiskutiert. In der Hinsicht ist „Szíven szúrt ország“ also nur ein Symptom für die Entwicklung einer gesamten Medienlandschaft, die die ungarische Gesellschaft in zwei Seiten teilt, hier die Väter, Mütter, Opfer, da die Täter. Man steigert Zuschauer- und Leserzahlen darüber, indem man das schreibt oder filmt, was die Bevölkerung hören möchte. Dass die Meinung der Bevölkerung aber insbesondere auch durch die Medien geformt wird und solche Berichterstattung die Problematik somit nur verschärft, wird vollkommen außer Acht gelassen.
Ein Hoffnungsschimmer
Doch die Dokumentation macht auch Hoffnung – allerdings in anderem Sinne als von den Filmmachern beabsichtigt. Das Veszprémer Stadion war bei der Premiere des Filmes zwar randgefüllt – was in Hinblick auf die persönliche Betroffenheit der Bevölkerung nicht erstaunlich ist – ungarnweit blieb der Erfolg jedoch aus. In Budapest wollte nur 613 Personen der Premiere beiwohnen. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass man mit leerer Polemik nicht immer punkten kann und die meisten Ungarn den Tod Cozmas doch als das beurteilen, was er wohl wirklich war – das tragische Ende einer grundlosen Schlägerei.
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