Persönliche Angriffe und kulturpolitische Warnungen prägen die Reaktionen Orbán-naher Medien auf den Regierungswechsel
Budapest. Vor dem ungarischen Parlament herrschte am 09.05.2026, symbolisch auf den Europatag gelegt, zur Vereidigung des neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar ausgelassene Feierstimmung. Zehntausende Menschen versammelten sich laut der Tagesschau, um den Amtsantritt des proeuropäischen Politikers und seiner Tisza-Partei zu feiern. Der rechtskonservative Politiker löste damit am 12. April 2026 die 16 Jahre währende Regierung von Viktor Orbán ab. Symbolträchtig wurde die Europaflagge wieder am Parlament gehisst – ein Zeichen, das unter Orbán zeitweise aus dem öffentlichen Raum verschwunden war. In den sozialen Medien verbreiteten sich Bilder und Videos der Feierlichkeiten rasch. Große Aufmerksamkeit erhielt etwa eine Aufnahme des künftigen Gesundheitsministers Zsolt Hegedűs, der vor dem Parlament ausgelassen tanzend zu sehen ist. Bereits kurz nach dem Wahlsieg der Tisza-Partei kursierte ein weiteres Tanzvideo des künftigen Ministers, das die euphorische Stimmung unter Magyars Anhängern einfing.
Offensive Rhetorik
Péter Magyar, der bis 2024 selbst Mitglied von Orbáns Fidesz-Partei war, hatte im Wahlkampf laut The Guardian bestimmte gesellschaftspolitische Themen bewusst ausgespart. Fragen zu LGBTQIA+ -Rechten oder Klimapolitik spielten in seiner Kampagne keine Rolle. In der Migrationspolitik positionierte sich Magyar bislang deutlich restriktiver als in den Bereichen Korruptionsbekämpfung und Medienfreiheit, in denen er sich klar von Orbáns Politik abgrenzte. Insgesamt fallen die Unterschiede zur bisherigen Regierung in diesem Bereich jedoch geringer aus. So machte die rechts zentristische Tisza-Partei im Wahlkampf laut dem European Council on Foreign Relations deutlich, dass sie in diesem Politikfeld weitgehend migrationsskeptische Positionen vertritt, die denen der Fidesz-Regierung nahekommen.
Gleichzeitig fiel Magyars Ton gegenüber den ungarischen Medien bereits im Wahlkampf durch eine konfrontative Haltung auf. In Interviews mit staatlichen Radios kündigte er an, nach seinem Amtsantritt die Nachrichtenprogramme öffentlich-rechtlicher Sender vorübergehend auszusetzen sowie ein neues Mediengesetz und eine Reform der Medienaufsicht einzuführen. Dabei nutzte er das Medium Radio selbst, um die staatlichen Medien im Rahmen der Berichterstattung zu konfrontieren. Die Verbreitung von Angst und Lügen verglich er mit nordkoreanischer und nationalsozialistischer Propaganda in Deutschland. Den staatlichen Medien warf er vor, ihn im Gegensatz zu Viktor Orbán systematisch benachteiligt zu haben – ein Vorwurf, den diese wiederum zurückwiesen.
Mit der Ankündigung, unter seiner Regierung ein neues Pressegesetz zu verabschieden und eine Medienbehörde einzurichten, erklärte er, staatliche Medien könnten „endlich das tun, wofür sie eigentlich da sind“. Nach den Interviews äußerte sich Magyar auf den sozialen Medien weiterhin offensiv:
„Wir erleben gerade die letzten Tage einer Propagandamaschine. Nach der Bildung der Tisza-Regierung werden wir die Nachrichtensendungen der ‚öffentlichen‘ Medien aussetzen, bis ihr öffentlich-rechtlicher Charakter wiederhergestellt ist.“
Reformforderungen an Ungarns Orban- treue Medienlandschaft
Internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen oder Human Rights Watch haben ausdrücklich vor der Manipulation und Unterwanderung der ungarischen Medien unter der Orbán-Regierung gewarnt. Durch gesetzgeberische Maßnahmen, ökonomischen Druck und gezielte Repressionen wurde die Unabhängigkeit der Medien schrittweise untergraben. Eine zentrale Rolle in diesem Prozess spielt die 2018 gegründete KESMA-Stiftung, die, wie der Pester Lloyd 2025 berichtete, etwa 80 % der ungarischen Medienlandschaft kontrolliert.
Vor diesem Hintergrund richten sich die Hoffnungen von Vertretern der Pressefreiheit zunehmend auf Péter Magyar und seine neue Tisza-Regierung. Die Partner der Media Freedom Rapid Response (MFRR) betonen in einer Stellungnahme des European Centre for Press and Media Freedom, dass eine umfassende Medienreform zu den vordringlichsten Aufgaben der neuen Regierung zählen müsse. Eine tiefgreifende strukturelle Neuausrichtung sei demnach entscheidend für die „Re-Demokratisierung“ des Landes. Zu den geforderten Maßnahmen zählen insbesondere die Stärkung des Medienpluralismus, eine Reform der Medienaufsicht, die Abschaffung politisch gesteuerter Werbevergabe sowie die Aufhebung repressiver Regelungen wie des Souveränitätsschutzgesetzes. Ob die neue Regierung die Stärkung unabhängiger Medien tatsächlich priorisiert, dürfte als wichtiger Gradmesser für ihren rechtsstaatlichen Reformanspruch gelten.
Tonlage Orbán-naher Medien: Kritik jenseits der Politik
Liest man die Berichte über die Vereidigung Magyars in Orbán-treuen Medien, fällt auf, dass dabei kaum inhaltliche Aspekte der neuen Regierung behandelt werden. Stattdessen liegt der Fokus häufig auf Symbolik und persönlichen Angriffen. Unter dem Titel „Die Tisza-Feiernden ließen den Müll auf dem Kossuth-Platz statt bürgerlicher Werte zurück“ schreibt die Zeitung Origo: „Es ist nicht nötig, viele Kommentare hinzuzufügen, es reicht, dass es für Tisza-Fans noch viel über Anstand und Verhalten zu lernen gibt.“ Der Beitrag illustriert dies mit Bildmaterial und Kommentaren über angeblich mangelndes Benehmen der Feiernden. Das Onlineportal Origo, eines der populärsten Nachrichtenportale Ungarns, ist eurotopics zufolge bis 2014 politisch unabhängig gewesen und gehört seit 2018 zur regierungsnahen Medienstiftung KESMA. In einem weiteren Artikel mit dem Titel „So sieht die Welt den zukünftigen Gesundheitsminister“ greift Origo erneut die in sozialen Medien vielfach geteilten Tanzeinlagen vor dem Parlament von Zsolt Hegedűs auf. Dabei werden verschiedene Kommentare zitiert, darunter die Schlussfolgerung eines Nutzers: „Zsolt Hegedűs, der Gesundheitsminister in der Regierung Péter Magyars, wird zeigen, warum die Menschen den Verlust Orbáns bereuen werden.“ Insgesamt dominieren Zitate und Kommentare, die den künftigen Gesundheitsminister als peinlich und unseriös darstellen. Auf die politischen Aussagen und Ankündigungen Magyars zu seinem Amtsantritt wird hingegen nicht eingegangen.
Die Orbán-nahe Plattform Ungarn Heute, eine der führenden deutschsprachigen Nachrichtenplattformen des Landes, formulierte unter der Überschrift „Hommage an einen scheidenden großen Kämpfer“, dass die Konsequenzen des Wendepunkts, den der Sieg der Tisza-Partei am 12. April bedeutete, „Triebkräfte und Logik“ mit sich bringen würden, die „die ungarische Gesellschaft noch nicht verstanden hat und auch nicht verstehen konnte“. Viktor Orbán wurde dabei als Verteidiger nationaler Interessen gegen eine „liberale Hegemonie“ und die „Flut der Globalisierung“ beschrieben. Der Sieg Magyars habe 16 Jahre, in denen Orbán „den Geist des nationalen Widerstands“ verkörpert habe, zunichtegemacht. Der Wahlsieg der Tisza-Partei wurde somit als Bruch mit einem vermeintlichen nationalen Konsens dargestellt, während Péter Magyar in persönlichen Beschreibungen vor allem auf seinen Lebensstil und sein Auftreten reduziert wurde.
Trotz der deutlichen Beliebtheit Magyars fokussiert sich Ungarn Heute auf das Erscheinungsbild und den Lebensstil des neuen Premierministers: „Die Zeit wird zeigen, wer die Wahrheit erkannt hat. Auf jeden Fall muss, nachdem die Feierlichkeiten auf dem Kossuth-Platz vorbei sind, der 45-jährige Mann, der in weißen Turnschuhen und Slim-Fit-Jeans Wahlkampf betrieb, einen Lebensstil pflegte, der von Disco-Partys und alkoholischen Eskapaden geprägt war, und seine Frau aus politischen Gründen abhörte, seinen Platz im Parlamentsgebäude einnehmen und sein Verhalten dem Rang eines der höchsten Würdenträger anpassen.“ Magyar verkörpert in der Darstellung von Ungarn Heute im Gegensatz zum als seriöser Staatsmann gezeichneten Viktor Orbán das Bild eines lebensfrohen Genießers, der eine „dionysische Lebensphilosophie eines Bonvivants“ verkörpere. Das von Ungarn Heute vermittelte Narrativ greift zentrale Elemente der Rhetorik auf, die Orbán zuletzt im Wahlkampf verwendete. So wird die Ablehnung der Europäischen Union mit der Warnung verbunden, „unsere Landsleute“ hätten „für einen bedingungslosen Anschluss an den untergehenden Westen gestimmt“.
Darüber hinaus verwendet der Beitrag populistische Begriffe im Zusammenhang mit der EU. So müsse sich Magyar in Fragen der „Gender-Lobby“ und der „Migration“ entscheiden, ob er Ungarn „an den Rand des Abgrunds neben die anderen europäischen Nationen stellt“. Das der Beitrag mit den Worten „Ehre sei dem scheidenden großen Kämpfer. Ungarn über alles, Gott über uns alle!“ endet, erscheint vor dem Hintergrund der zuvor verwendeten nationalistischen Begriffe kaum überraschend.
Der Amtsantritt von Péter Magyar markiert einen politischen Wendepunkt in Ungarn, der von hohen Erwartungen und ebenso deutlichen Spannungen begleitet wird. Während seine Anhänger einen Aufbruch in Richtung europäischer Integration und demokratischer Erneuerung feiern, reagieren Orbán-nahe Medien mit scharfer Kritik, Personalisierungen und teils polemischen Zuspitzungen – ein Sinnbild der tief polarisierten Medienlandschaft.
Quellen: The Guardian, tagesschau, zdfheute auf Instagram, Ungarn heute, European Centre for Press and media Freedom, eurotopics, European Council on Foreign Relations
Photo: Screenshot eines Regierungsinserates auf Index.hu im Wahlkampf zeigt den Bösewicht Péter Magyar






