(c) Pester Lloyd / 04 – 2009 WIRTSCHAFT 23.01.2009
Bilanzen der Krise
E.ON Földgáz hatte in Ungarn alles im Griff – Gazprom will Ausfälle nachliefern
Opposition fordert Allianz der Staaten Mitteleuropas und eine Abkehr von der „strategischen Partnerschaft“ des Westens mit Russland – Slowakei zögert noch, ungarische Emfesz klagt bereits – Neue Pipeline nach Kroatien – Nabucco-Konferenz am 27.1. in Budapest
E.ON Földgaz, das größte Unternehmen für Gashandel und -lagerung in Ungarn musste rund 500 Millionen cbm an Liefereinbußen während des Streits Ukraine-Russland (6. bis 20. Januar) hinnehmen. Insgesamt habe man während der Krisentage rund 700 Mio cbm in das ungarische Leitungsnetz gepumpt, dabei arbeiteten die Lager 10 Tage unter Höchstbelastung (53 Mio cbm/Tag). Die Versorgung wurde weiterhin durch im Inland gefördertes Gas ergänzt (rund 10 Mio cbm / Tag). Außerdem konnte man auf Reserven aus Westeuropa in der Gesamtmenge von 56 Mio cbm zurückgreifen, 40 Mio davon kamen von der Muttergesellschaft in Deutschland. Abb.: Gasförderung in Ungarn, Foto: E.ON Földgáz Magazin
Weitere 46 Mio cbm aus Westeuropa habe man in der Zeit vom 10. bis 20. Januar an Serbien und Bosnien weitergeleitet. Den höchsten Verbrauch markierte man 68 Mio cbm an einem Tag. E.ON Földgáz verfügt über eine unterirdische Lagerkapazität von 3,77 Mrd. cbm, ein weiteres Lager für rund 600 Mio cbm sei derzeit im Bau, Kosten 130 Mio EUR. Die Bestände sind im Zuge der Krise auf 2,5 Mrd cbm geschrumpft. Noch zu erwartende Winterspitzen könne man also getrost aus den vorhandenen Speichermengen bedienen, teilte das Unternehmen während einer Präsentation in Budapest mit.
Matthias Keuchel, Beschaffungsdirektor von E.ON Földgáz, sagte, dass Gazprom die Nachlieferung der ausgefallenen Mengen angeboten habe, ein Angebot, dass man derzeit prüfe. Doch sei durch den milden Winteranfang (Ende 2008), der Bestand nicht so belastet gewesen. Hohe Extrakosten seien dem Unternehmen durch den Lieferausfall nicht entstanden, „lediglich die Überstunden für einige Mitarbeiter“.
Orbán: Lieber Iran als Russland?
Ungarns Oppositionschef, Viktor Orbán (Fidesz) ruft die ostmitteleuropäischen Staaten zu einer „Strategischen Allianz“ auf. Auf der sogeanntenn „Euromoney“-Konferenz vor einigen Tagen in Wien meinte er, die Krise sollte genutzt werden, um eine engere Kooperation in der Region zu forcieren. Orbán will die Einrichtung eines „gemeinsamen Energiefonds“, eine abgestimmte Entwicklungspolitik und ein Nord-Süd-Transportnetzwerk. Die Gaskrise habe gezeigt, dass die Politik Westeuropas gegenüber Russland „gefährlich“ sei. Die Mächte im Osten (Russland und China) würden nicht zögern, ihre wirtschaftliche Macht auch in militärische zu transformieren, wenn es ihren Interessen nutzt. Er fordert deshalb eine weitere Abkehr von der „strategischen Partnerschaft“ des Westens mit Russland und eine Stärkung der transatlantischen Beziehungen.
Russland versuche permanent ein Energieversorgungsmonopol in der Region zu errichten, daher sollte der Bau der Nabucco-Pipeline Vorrang haben. (Gas käme dann aus Qatar, Iran, Irak und einigen zentralasiatischen Ländern). In den vergangenen Jahren habe man praktisch nichts getan, um sich von russischen Gaslieferungen unabhängig zu machen.
Tag der Abrechnung in Slowakei vertagt
Gerade erst fließt das russiche Gas wieder in die Slowakei, da überlegt man in Bratislava, wer den Schaden wieder gut machen kann. Fast zwei Wochen, zwischen dem 7. und 18. Januar stockte oder ruhte die Produktion in vielen slowakischen Fabriken. Das Wirtschaftsministerium in Bratislava schätzt die Schäden durch das Ausbleiben der Erdgaslieferungen auf immerhin 100 Mio. EUR am Tag. Eine ungeheure Summe für so ein kleines Land.
Der Wirtschaftsminister Lubomír Jahnátek mahnte zwar, es sei „verfrüht, Schadensersatzprozesse öffentlich auch nur zu erwägen.“ Doch kommende Woche soll sich in Brüssel ein informeller Kreis von Politikern und Wirtschaftsbossen treffen, um über Regressforderungen an Russland bzw. die Ukraine zu beraten. Ersteres ist politisch heikel, letzteres kaufmännisch sinnlos.
Etwas vorwitziger war indes ein ungarisches Unternehmen. Emfesz, Ungarns zweitgrößter Erdgasimporteur, verklagte, wie berichtet , bereits am 10. Januar das ukrainische Staatsunternehmen Naftogaz auf Schadensersatz und zwar am EU-Gerichtshof in Luxemburg und in Budapest.
Ungarn und Kroatien bauen Verbindungspipeline
Die Europäische Kommission kündigte den Bau einer Gas-Verbindungsleitung zwischen Ungarn und Kroatien an. Kroatien könne sich so aus mehreren Gasquellen bedienen, sagte ein Vertreter der EU-Behörde. Das Vorhaben stehe auf der Liste vorrangiger Infrastrukturprojekte. Konkret geht es um ein 80 Kilometer langes Verbindungsstück zwischen der kroatischen Stadt Slavonski Brod und Drávaszerdahely in Ungarn.
Am 27. Januar findet in Budapest eine Energiekonferenz statt, die vor allem das Nabucco-Projekt voran bringen soll. Wir berichten.
Unser monatlicher Nachrichtenspiegel: die wichtigsten Meldungen aus Ungarn und Mitteleuropa, einmal im Monat per E-Mail. Kostenlos, kein Spam, jederzeit abbestellbar.
Nachrichtenspiegel kostenlos abonnieren




