Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Károly Zentai, soll an Budapest ausgeliefert werden

(c) Pester Lloyd / 12 – 2009 GESELLSCHAFT 17.03.2009

Einer der zehn meistgesuchten NS-Verbrecher, der Ungar Károly Zentai, soll an Budapest ausgeliefert werden

Dem 85-jährigen Charles (Károly) Zentai (Foto) wird von der ungarischen Justiz vorgeworfen, dass er als Mitglied der Pfeilkreuzler 1944 in seiner damaligen Heimatstadt Budapest den Juden Péter Balázs getötet habe, weil der sich geweigert hatte, den gelben Stern zu tragen.

Wie Zeugen gegenüber dem Simon-Wiesenthal-Zentrum (SWC) berichten, habe Zentai den 18-jährigen Balázs aus einer Straßenbahn geholt und fünf Stunden lang verprügelt und zu Tode gefoltert. Zentai gibt zwar zu, zu den Faschisten gehört zu haben. Die Vorwürfe aber bestreitet er. Er habe angeblich am Tag vor dem Mord Budapest verlassen. Nach dem Krieg kam er über Deutschland nach Australien, wo er ein ruhiges Rentner-Leben führte. Das scheint nun vorbei zu sein. Wenn es nach der ungarischen Justiz geht, so soll er an den Ort seiner Tat ausgeliefert werden, um ihn in Budapest vor Gericht stellen zu können. Über Jahre hatte Zentai vor australischen Richtern ergebnislos gegen eine solche Auslieferung gekämpft. In diesen Wochen entscheidet sich nun endgültig, ob er nach Ungarn ausgeliefert wird.

Nach Angaben des Simon-Wiesenthal-Zentrums hat sich Zentai 1944 darüber hinaus an der Verfolgung und Ermordung von Budapester Juden beteiligt. Die Organisation führt Zentai in ihrer Liste der zehn meistgesuchten NS-Verbrecher. Ein Gericht im australischen Staat Western Australia hat der Abschiebung bereits zugestimmt. Sollte auch das Bundesgericht diesem Urteil folgen, liegt die Entscheidung über die Abschiebung bei der Regierung.

Falls Zentai ausgeliefert wird, bedeutet das einen seltenen Erfolg für Organisationen wie das Simon-Wiesenthal-Zentrum, die seit Jahrzehnten in Australien Nazi-Verbrechern auf der Spur sind. Er wäre dann der erste Fall, in dem sich ein in Australien beschuldigter NS-Verbrecher vor einem ausländischen Gericht verantworten müsste. In der Vergangenheit fehlte es den australischen Politikern offenbar am politischen Willen, Täter aufzuspüren und den Auslieferungsprozess einzuleiten. Zwar gab es in den neunziger Jahren eine eigens dafür eingerichtete Untersuchungskommission. Trotz zum Teil aufwendiger Verfahren gelang es aber nie, mutmaßliche Nazi-Täter zur Rechenschaft zu ziehen – ob im Ausland oder in ihrer Wahlheimat. Dass Australien in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Nazis – auch aus Ungarn – als Unterschlupf diente, ist unbestritten. Gelegentlich kamen SS-Täter sogar unerkannt auf denselben Schiffen nach Australien wie ihre überlebenden Opfer. Obwohl in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder einzelne Verdächtige hatten aufgespürt werden können – ausgeliefert wurde bisher keiner. Vielleicht verschafft dieser Fall einmal so etwas wie eine späte, ausgleichende Gerechtigkeit für die zahllosen Opfer und deren Mörder.

Titelseite der aktuellen Pester-Lloyd-Wochenzeitung

Neu · Jeden Freitag als PDF

Der Pester Lloyd als Wochenzeitung – wie früher am Kiosk, nur digital

Ausgabe 10.–16. August 2026, 15 Seiten im großen Zeitungsformat. Darin unter anderem:

• Sziget, Tag drei – Florence, Staub und ein Ermittlungsverfahren• András Baka vereidigt – ein Präsident für den demokratischen Wiederaufbau

Zeitung ansehen – 2,50 €

In eigener Sache – Ihr Kauf unterstützt unabhängigen Journalismus ohne Paywall.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
© Alle Inhalte Copyright 2026 Pester Lloyd
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x