(c) Pester Lloyd / 37 – 2010 KULTUR 17.09.2010
Premiere von Boitos „Mefistofele“ an der Ungarischen Staatsoper
Alle bisherigen Versuche, den Faust-Stoff adäquat in Musik zu gießen, können als gescheitert betrachtet werden. Die Inszenatoren der Boitoschen Faustmelange an der Ungarischen Staatsoper scheinen sich dieses Dilemmas bewusst gewesen zu sein als sie aus dem sperrigen Material eine ironisch anmutende Maschinenoper gestalteten, die immerhin unterhält.
Auch dem italienischen Komponisten und Librettisten Arrigo Boito erging es mit seinem Versuch die Goetesche Universalgeschichte in seine Sprache zu übersetzen nicht besser als vorherigen Komponisten, als er mit seiner einzigen Oper „Mefistofele“ bei der Mailänder Uraufführung 1868 einen gewaltigen Flopp landete. Erst sieben Jahre später wurde das gänzlich umgearbeitete und gekürzte Werk vom Publikum angenommen, obwohl auch in dieser Variante nur ein vom Librettisten unverstandener Faust-Verschnitt mit einer zwischen Verdi, Beethoven und Wagner angesiedelten, eklektizistischen Musik auf das italienische Publikum los gelassen wurde. Abb: Ung. Staatsoper
Das ungarische Publikum – mit vielen ausländischen Gästen – erlebte am vergangenen Dienstag eine Faust-Show, die jeder faustischen Rock-Oper durchaus das Wasser reichen kann. Mit viel Aufwand hinsichtlich der Ausstattung und bei den Akteuren war eine Premiere zu erleben, die an Theatereffekten nichts ausließ. Alle Sinne wurden angesprochen, sogar der Geruchssinn ist per Rauchschwaden beim vertanzten „Prolog im Himmel“ reichlich strapaziert worden. Eine riesige, begehbare und auch von innen beleuchtete Spirale, die eher an eine erzgebirgische Weihnachtspyramide mit gelegentlichen Turmbläsern (Orchestermusiker waren auch auf dieser „Schiefen Ebene“ platziert) erinnerte, sollte vermutlich den Weg der Menschheit vom Niederen zum Höheren, vom bösen Mefistofele zum (gar nicht so) guten Faust in der simplen Auffassung des Librettisten Boito symbolisieren.
Der Regisseur Balázs Kovalik gab sich alle Mühe, dieses verschrobene Werk durch allerlei Show-Effekte, Tanzeinlagen, Blutorgien und Verweise in die konsumverwöhnte Moderne hinein, dem zunehmend begeisterten Publikum als eine Persiflage auf diesen amputierten Faust-Stoff – hoffentlich mit echt gemeinter Ironie – zu servieren. Was Kovalik an Theatermaschinerie dabei in Bewegung setzen kann, ringt dem Zuschauer eine gewisse Hochachtung ab, auch wenn man dabei nicht „erkennt, was die Welt im Innersten zusammen hält“. In Frage darf allerdings gestellt werden, ob das letzte Bild mit dem Überreichen des Evangeliums, als die erstrebenswerte Zielorientierung für die Selbstfindung des Menschen, auch ironisch gemeint war, und ob nur die Liebe zu Gott (wie es bei Boito, aber keineswegs bei Goethe heißt) als des „Pudels Kern“ zu sehen und zu glauben ist? Das könnte von den zwei Seelen künden, die, ach, in der Brust des Regisseurs bei dieser Inszenierung geschlagen haben mögen.
Das Ensemble war großartig besetzt. Allen voran der Chor (Máte Sipos Szabó). Und das nicht nur stimmlich, sondern auch als singender Massen-Bewegungs-Körper. Ganz herausragend diesmal der fröhlich-bunte und sehr sauber singende Kinderchor (Gyöngyvér Gupcsó). Und beide Klang-und Bewegungskörper zusammen mit den agilen Solisten in der Choreographie von Marianna Venekei – ein Augenschmaus. Das Orchester gab unter der Stabführung von János Kovács all das, was diese Musik dreieinhalb Stunden von sich geben kann: ganz im Goethschen Sinne viel „Schall und Rauch“, – aber das mit großer Kunstfertigkeit.
Die Titelpartie sang Gábor Bretz mit einem voluminösen Bass, der allerdings erst nach der zweiten Pause wuchtig und dennoch schön in der Höhe über die Rampe kam, während er zu Beginn der Oper in den tiefen Tönen nicht immer optimal zu hören war. Attila Fekete, der als Faust seinen Tenor mehrfach in höchsten Höhen sicher strahlen lassen konnte, wurde offenbar von der Regie etwas dominanter behandelt als das an der Mefistofele-Figur zu erkennen war. Gergely Boncser konnte in beiden Partien als Wagner und Nero mit seinem lyrischen Tenor die Gunst des Publikums gewinnen.
Auch die beiden Protagonistinnen Gabriella Kiss Létay (Margarete/Gretchen und Helena) sowie Éva Pánczel (Marte – Pantalis) hatten jeweils zwei Figuren in den drei Akten zu verkörpern. Die Pánzél tat das mit sonorer Altisten-Leidenschaft und überragend der gut geführte Sopran der Létay sowie deren darstellerische Leistung. Mit diesen Partien hat sie sich als eine der Spitzenkräfte der hiesigen Staatsoper präsentiert und für andere große Opernhäuser in der Welt empfohlen.
Was von diesem langen Opernabend bleibt, ist eine bunte Revue, eine Estrade durch eine Art Faust-Surrogat mit Musik, an dem sich ein einfalls- und ideenreicher Regisseur mit einem hervorragenden Ensemble abgearbeitet hat. Wünschen wir Balász Kovalik, bis vor kurzem noch Künstlerischer Leiter , an diesem Hause noch ein paar gescheitere Werke, an dem dieser Regisseur seiner Fantasie gezielteren Lauf lassen kann. Schade wäre es, wenn er mit Goethe ausrufen müsste. „Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube…!“
Nächste Vorstellungen am 17. und 19.9. jeweils 19 Uhr, weitere Infos: www.opera.hu
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