(c) Pester Lloyd / 23 – 2009 POLITIK 02.06.2009
Verdis „Sizilianische Vesper“ an der Ungarischen Staatsoper Budapest Bejubelt wurden die gesanglichen Leistungen – Regie und Bühnenbild, ein Import aus deutschen Landen, hätte man sich sparen können.
Am 31. Mai vor 200 Jahren starb Joseph Haydn. Die Ungarische Staatsoper überraschte an seinem Todestag dieses Haus- und Hofkomponisten der Eszterházys nicht etwa mit einer seiner zahlreichen Opern, sondern mit Verdis „Sizilianischer Vesper“. Der Publikumsjubel gegenüber dieser Revolutionsoper, die auf einen Aufstand im Palermo des 12. Jahrhunderts zurückgeht, galt am Pfingstsamstag insbesondere den Sängerinnen und Sängern. Der Regie und dem Bühnenbild dagegen kann kein Lorbeer geflochten werden.
Der in Deutschland anerkannte Synchronregisseur Matthias von Stegmann (u.a. Die Simpsons), der sich auch mit einigen Regiearbeiten an internationalen Bühnen einen Namen machte, konnte mit der Inszenierung von Verdis „Vesper“ in Budapest nicht überzeugen. Durch seine statuarische und einfallslose Organisation der Figuren (Chor: Bildet schöne Gruppen!) geriet das Darstellerische zu einem eher peinlichen Rückfall in längst überwunden geglaubte Budapester Staatsopernzeiten. Wenn auch ein Vergleich mit der erst kürzlich hier über die Bühnen gegangene einfallsreichen und gescheit inszenierten „Xerxes“ nicht unmittelbar auf Verdis tragisches Werk angewendet werden kann, so haben doch die ungarischen Regisseure der vergangenen Spielzeiten bewiesen, dass man sich die Gastspielhonorare für derartige Einfallslosigkeit aus dem Ausland sparen kann. Und die für derartige Bühnen- und Kostümbildner gleich mit. Die Ausstattung von Frank Philipp Schlössmann blieb mit seinen verschraubten Stahlplatten, die offenbar die Hafeneinfahrt nach Palermo andeuten sollten, belang- und fantasielos. Auch hier hätte ungarisches Gestaltungsvermögen Geld sparen können, um dieses eventuell für einen Gast-Sänger auszugeben.
Einen Tenor z.B., der die anspruchsvolle Partie des Arrigo noch besser bewältigt hätte, als das Attila Fekete mit seinen schrillen, kaum gerundeten Tönen in der Höhe vermochte. Es war dennoch eine beachtliche Leistung von ihm, an der Seite einer ausgezeichneten Eszter Sümegi (Elena) und einem eben solchen Bariton wie dem von Anatolij Fokanov (Monforte) zu bestehen. Wir erlebten einen hochdramatischen Sopran, eine exzellente, ausdrucksstarke Stimmführung der Sümegi mit einer wunderbar abgedunkelten Höhe sowie einer Spielweise, die bei gekonnter Regieführung sehr nahe an großartige Leistungen des Felsensteinschen Musiktheaters heran reichen könnte. Die etwas steifen, für ihn typischen Bewegungen des Fokanov machte dieser mit seiner zuverlässigen Stimmgebung wett, seiner unangestrengten Höhenlage und seiner Eleganz. Dort wo er ins Piano steuert, oder sich des Voix-mixte-Gesangs bedient, wirkt die Stimme allerdings mitunter stumpf und zu wenig durchgestützt.
István Rácz überzeugte nicht nur mit der berühmten Arie „O, Du Palermo, heilige Stätte“, sondern insgesamt in der Partie des Procida mit einem sonor und souverän geführten Bass. Mit gewaltigem Klang und sehr differenziertem Gesang wartet – wie so oft in letzter Zeit – der Chor der Staatsoper unter der Leitung von Máté Sipos Szabó auf. Aber auch hier hat die konservative Regie das darstellerische Potential dieses ansonsten spielfreudigen Klangkörpers über weite Strecken verschenkt. Generalmusikdirektor János Kovács hatte es nicht immer leicht, bei diesem sängerisch anspruchsvollen Werk Bühne und Orchestergraben in Übereinstimmung zu bringen. Das gelang ihm aber mit einem sehr gut studierten Staatsopernorchester, das den Verdischen Intentionen über drei lange Akte in sehr ansprechender Weise gerecht wurde.
Fremdenfeindliches Programmheft
In keine Weise wurde dagegen das Programmheft den Ansprüchen eines internationalen Publikums (zur Premiere am 31.5. etwa 50% Ausländer) gerecht: Die meisten Ungarn wissen – mal ausgenommen die im PR-Bereich der Staatsoper – dass die ungarische Sprache im Ausland so gut wie nicht gesprochen wird. Da man aber alle Anstrengungen unternimmt, viele Ausländer in die hiesige Oper zu holen, ist es um so unverständlicher, wenn das Programmheft (wiederholt) ausschließlich in ungarischer Sprache vorliegt. So kann man also für 1.000 Forint (der Verkäuferin bleibt bei diesem Preis kein Forint Trinkgeld) eine Broschüre zu „A sziciliai vecserenye“ von 118(!) Seiten kaufen, von denen 45 teilweise aus deutschen Werken ins Ungarische übersetzte Texte dozieren, während die folgenden Seiten das Libretto der Oper in Ungarisch wieder geben.
Offensichtlich haben sich die Macher dieses Heftes denken können, dass kein Mensch im dunklen Opernhaus die Dialog-Texte verfolgen kann, deshalb bringt man diese noch einmal als Leuchtschrift über dem Portal zum Italienischen auf der Bühne. Ein solches Programmheft darf man getrost gastunfreundlich nennen, zumal auch darin die hiesige Staatsoper (zumindest hinsichtlich der Handlung in Englisch und Deutsch) schon mal weiter war. Somit war die Verdi-Premiere zu Haydns 200. Todestag – außer den gesanglichen Leistungen – in mehrfacher Hinsicht ein Rückfall in Zeiten, die man so hoffnungsvoll überwunden glaubte…
Die nächsten Vorstellungen von Verdis „Die Sizilianische Vesper“
finden statt am 19., 23. und 28. Juni jeweils um 18 Uhr.
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