Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Systemwandler: Ex-Ministerpräsident von Ungarn, Gyula Horn, verstorben

(c) Pester Lloyd / 25 – 2013 POLITIK 20.06.2013

Systemwandler: Ex-Ministerpräsident von Ungarn, Gyula Horn, verstorben

Systemwandler Ex-Ministerpräsident von Ungarn, Gyula Horn, verstorben

In Deutschland und Westeuropa bleibt Gyula Horn als Türöffner der deutschen Einheit unvergesslich. Sein symbolischer Akt mit der Zaunschere wird ihn bei den meisten in positiver Erinnerung belassen. In Ungarn ist sein Bild nicht so strahlend: er steht für Säuberungen nach 1956, graue Privatisierung und war ein Vertreter jener Kaderriege, die virtuos auf den Klaviaturen verschiedener Systeme spielte und noch heute spielt und die für die heutigen Zustände in Ungarn wesentlich mitverantwortlich ist.

Sein Zaunschnitt beförderte die Freiheitsbewegung der DDR

Am Mittwoch starb, im Alter von 81 Jahren, der frühere Ministerpräsident Ungarns, Gyula Horn. Er war bereits seit einem Schlaganfall 2007 sehr krank und verbrachte die letzten Jahre unter permanenter Pflege, die Nachricht von seinem Ableben war daher seit längerem erwartet worden. International bekannt wurde Horn jedoch nicht als Regierungschef (1994-1998), sondern als Außenminister in der Regierung Németh im Jahre 1989, als er am 27. Juni gemeinsam mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock symbolisch den Eisernen Zaun zwischen Ungarn und Österreich durchschnitt und so auch zigtausenden DDR-Bürgern die Flucht in den Westen ermöglichte sowie die friedliche Revolution in der DDR beförderte. Gyula Horn hat Ungarn auch den relativ schnellen und vollständigen Abzug der Roten Armee bereits im März 1990 zu verdanken.

Mitglied einer Säuberungsbriagde 1956

Dennoch ist Horn in seiner Heimat umstritten und vor allem wegen seiner Rolle während und nach dem Volksaufstand 1956 hefitg kritisiert. Horn, der 1954 der Kommunistischen Partei beitrat, war bei der Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Truppen in einer paramlitärischen Einheit, die für Greuel an Widerständlern verantwortlich gemacht wird. Auch bei den anschließenden Säuberungen, die für viele Menschen den Tod, Gefängnis und / oder Enteignung bedeuteten, soll Horn nicht gerade zurückhaltend mitgewirkt haben, seine Rolle zu dieser Zeit redete er später jedoch immer klein und verwies lieber auf seine Verdienste in der Wendezeit.

Neoliberaler Erfüllungsgehilfe, vulgo “Sozialdemokrat”

Als Premier an der Spitze einer MSZP-Regierung blieb Horn mit der Vorbereitung zum NATO-Beitritt (1999) und teils wilden Privatisierungswellen mit gleichzeitigen, schmerzhaften Sparpaketen in Erinnerung. Auch hier setzte er seine Schere ein, aber nicht – wie 1989 – für das eigene Volk, sondern eher im Interesse spezieller Klientel. Er wurde 1998 durch die erste Orbán-Regierung abgelöst, die wiederum die darauffolgenden Wahlen verlor.

Horn wandelte nich das System, die Systeme wandelten Horn

Horn ist einer jener Vertreter des alten Regimes, die sich relativ schnell von Vorzeigekommunisten zu marktliberalen „Sozialdemokraten“ wenden konnten und die Vorbereitungen auf den EU-Beitritt in einer Art und Weise betrieben, die bei vielen Menschen den Glauben an die Politik und die Demokratie schwer unterminierte und nicht wenig zu den heutigen Zuständen und Machtverhältnissen beitrugen. Viele von denen schnitten dabei selbst mit, andere taten dies aus politischem Suchtverhalten, wieder andere aus gewohnheitsmäßigem Opportunismus. Horn hatte wohl etwas von allen drei Strömungen in sich. Er wandelte weniger das System als die Systeme ihn wandelten.

Er steht damit in einer Reihe mit Péter Medgyessy und Ferenc Gyurcsány, alles „Kader“, die auf den Klaviaturen verschiedener Systeme spielen konnten und denen dabei die eigene Macht letztlich wichtiger war als die Lebensbedingungen des Volkes, was immer sie auch behaupteten. Das galt für ihr Handeln vor wie nach der Wende. Zwar mochte man Horn die Ablehnung des Poststalinismus aus Überzeugung abnehmen, eine Wandlung zum Demokraten im Wortsinne vollzog er jedoch nie, übrigens ebensoweing wie die Vertreter der heutigen politischen Rechten, von denen viele auch schon vor 1989 eine „Karriere“ hinlegten, an die sich die meisten aber so gar nicht mehr erinnern wollen. Manche Politiker schaffen nicht mal eine gute Tat

Vor allem das vereinigte Deutschland, das mit Altkarrieren ja nicht wenig eigene Eefahrungen hatte, überhäufte Horn mit Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz sowie der renommierte Karlspreis. Dort gilt er noch heute als einer der Türöffner der deutschen Einheit, sein symbolischer Akt mit der Zaunschere, ob nun clevere Eigen-PR für eine kommende Karriere oder Befreiungsschlag aus gewachsener Überzeugung – wird ihn bei den meisten in positiver Erinnerung belassen. Es gibt genügend Politiker, die nicht mal eine wirklich gute Tat vorweisen können.

Titelseite der aktuellen Pester-Lloyd-Wochenzeitung

Neu · Jeden Freitag als PDF

Der Pester Lloyd als Wochenzeitung – wie früher am Kiosk, nur digital

Ausgabe 10.–16. August 2026, 15 Seiten im großen Zeitungsformat. Darin unter anderem:

• Sziget, Tag drei – Florence, Staub und ein Ermittlungsverfahren• András Baka vereidigt – ein Präsident für den demokratischen Wiederaufbau

Zeitung ansehen – 2,50 €

In eigener Sache – Ihr Kauf unterstützt unabhängigen Journalismus ohne Paywall.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
© Alle Inhalte Copyright 2026 Pester Lloyd
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x