(c) Pester Lloyd / 15 – 2009 POLITIK 08.04.2009
Ein netter Kerl
Warum steckt Gordon Bajnai seinen Hals in die Schlinge?
Der jugendlich wirkende Gordon Bajnai ist 41 und Vater von zwei Kindern. Er stammt aus einer betuchten Familie aus Baja, der südungarischen Stadt mit einem ungarndeutschen Schulzentrum. Hier ist der Vater Eigentümer einer Möbelfabrik und ein bekannter, geschätzter Bürger. Ob der in Ungarn sonderbare Vorname nach der Ginmarke oder dem berühmten britischen Torwart gewählt wurde – daran kann sich der Papa nicht mehr erinnern. Wichtiger ist, dass der aufgeweckte junge Mann seinen Weg in die Kaderschmiede seiner Zeit fand: auf den Lehrstuhl für Internationale Beziehungen der Budapester Wirtschaftsuniversität. Diese war und ist gut. Ferenc Gyurcsány absolvierte nur ein Abendstudium der Ökonomie in Pécs.
Doch die Wege der beiden Jungsozialisten waren mehrfach miteinander verknüpft. Beide gehörten zur der Gruppe der Funktionäre der Wendezeit, die zwar eine Reform der überlebten Strukturen befürworteten, nicht jedoch eine wirkliche Wende nach dem Muster der von der Gruppe um Viktor Orbán betriebenen. Immerhin organisierte Bajnai den ersten Aufstand der Studenten gegen die miese Mensa der Uni… Der Weg der beiden nach der Wende war ähnlich. Während sich Gyurcsány geschickt über die Privatisierung bereicherte, tat Bajnai dies auch, doch ohne ein echter Industrieller zu werden. Der fähige Finanzmann verdiente sein gutes Geld bei Investmentfirmen, zeitweilig gemeinsam mit Gyurcsány, dann auch bei der Wertpapierabteilung der damaligen Creditanstalt. Danach stand er fünf Jahre an der Spitze der Unternehmensgruppe Wallis. Die äußerst erfolgreiche Gruppe (sie vertritt beispielsweise BMW in Ungarn) wurde von in Moskau ausgebildeten früheren Jugendfunktionären gegründet.
Gyurcsány holte 2006 den erfolgreichen Ökonomen, der auch zum „Jungmanager des Jahres“ gewählt worden war, als Chef der Nationalen Entwicklungsagentur in seine Regierung. Ein politischer Schlüsselposten, ist diese mit der Verteilung der riesigen EU-Fonds beauftragt. Nach einem Jahr wurde er Minister für Selbstverwaltung und Regionalentwicklung, im April 2008, nach dem Ausscheiden der Liberalen aus dem Kabinett, Minister für Wirtschaft und Entwicklung.
Zwar hatte der Parteilose Bajnai nach der Wende keine politischen Ambitionen, doch hegt er diese nun offenbar doch. Schon vor der Regierungskrise wurde gemunkelt, dass Gyurcsánys guter Freund versuche, die Rolle eines Superministers für Wirtschaft und Finanzen zu spielen. Die Tatsache, dass er als Achtzehnter in der Reihe bereit war, die kaum als dankbar zu bezeichnende Aufgabe zu übernehmen, kann nur mit Ehrgeiz erklärt werden. Der gewiefte Ökonom will zeigen, dass er – wie 1995 der in die Schulbücher eingegangene Finanzminister Lajos Bokros – fähig ist, eine solch schwere Krise zu meistern.
„Ein netter Kerl“, sagen diejenigen, die ihn kennen. Der nette Kerl hat Häuser in Budapest und am Balaton und gar nicht wenig Geld auf dem Bankkonto. Er nimmt auch kein Gehalt für den neuen Job. Doch auch diese Geste bewahrte ihn nicht vor Demonstrationen vor seiner Villa im Grünen. Bajnai verkörpert genau wie Gyurcsány denselben Typen des hinübergeretteten „Kommunisten“, der sich mit seinem „gestohlenen“ Vermögen nicht begnügt, sondern nun auch noch regieren will. Seine Feinde auf der rechten Seite werden es leicht haben.
Und der „nette Kerl“ wird sich vermutlich bald fragen, ob er das wirklich nötig hatte – um dann das Tuch zu werfen.
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