(c) Pester Lloyd / 19 – 2009 WIRTSCHAFT 09.05.2009
Wurde Ungarns Gaslieferant Emfesz einfach gestohlen?
Einer der größten Gaslieferanten Ungarns ging vor ein paar Tagen von ukrainischen in russische Hände über, so still und heimlich, dass nicht einmal die Eigentümer davon wissen wollen. Letztlich geht es um das Ausschalten zwielichtiger ukrainischer Vermittler aus dem Gasexport durch andere zwielichtige Vermittler. Und um Abermillionen jährlich. Da scheinen viele Mittel recht.
Während der ungarische Gaskunde mit den hohen Preisen kämpft, kämpfen Hintermänner in Ungarn, Russland und der Ukraine um Provisionen und Marktbeherrschung. Der Gaskrieg vom Januar hatte bereits sehr eigenartige Konstruktionen bei der Verteilung des russischen Gases nach Europa offen gelegt, doch es geht noch nebeliger.
Eine aktuelle Meldung besagt, dass die ungarische Distributionsfirma Emfesz, die rund 20% des ungarischen Gasmarktes beliefert (E.ON ist der andere große Player), in die Hände der Firma RosGas, registriert in der Schweiz, übergegangen ist. Der Sprecher von Emfesz Igor Gallyás bestäigte gegenüber MTI einen Bericht in der russischen Zeitung Vedomosti. Er fügt hinzu, dass Emfesz zeitnah einen langfristigen Vertrag zum Bezug russischen Erdgases abschließen werde. So weit so gut. Ab jetzt wird es komplizierter.
Am 28. April hatte Emfesz angekündigt, kein Gas mehr von RosUkrEnergo (RUE) (auch registriert in der Schweiz) beziehen zu wollen oder zu können, weil der Probleme mit der Speicherung habe und zu wenig Gas ankam. RUE vermittelte bis zum Gasstreit im Januar einen Großteil der Gasexporte der Gazprom an die westlichen Abnehmer und gehörte zur Hälfte der Gazprom, zur anderen ukrainischen Geschäftsleuten im Dunstkreis der Macht. Diese Konstruktion, bei der jährlich Zigmillionen Euro und Dollar an Provisionen in diverse Taschen flossen, die u.a. der Machterhaltung der Kiewer „Demokraten“ und diverser „Familien“ diente, wurde von russischer Seite mit dem Hinweis auf Liefersicherheit schrittweise beendet. Natürlich schielte man auch auf die Unsummen an Provisionen, die so in ukrainische Taschen flossen.
Emfesz war bisher in Eigentum der Mabofi Holding, ein Unternehmen, dass in Zypern registriert ist und vom ukrainischen Geschäftsmann Dimitri Firtasch kontrolliert wird. Dieser war bzw. ist gleichzeitig 45%-Teilhaber von RosUkrEnergo, bei dem die Gazprom 50% hält, der Rest gehört einem Partner von Firtasch. Der Verkauf der Emfesz an RosGas führt also dazu, das RosUkrEnergo, und damit die Ukrainer aus dem Geschäft mit dem Erdgas gedrängt werden konnten. Wieviel und was sonst noch dazu nötig war, ist bisher unbekannt.
Die Emfesz sponsorte über ihre Marketingplattform gas.hu die Veranstaltung “Ungarns stärkster Mann”, jetzt spielten einige Manager dort offenbar selbst den starken Mann. Foto: emfesz.hu Dabei gab es schon Hinweise auf den „Kreml-Einfluss“ auf Emfesz. Schliesslich waren das „ungarische“ Unternehmen das erste, das schon im Januar die Ukraine, sprich das Staatsunternehmen Naftogaz, verklagte. (unser Bericht: (Kurzmeldungen aus Ungarn — KW 1/2009 (II)) ) Emfesz selber will die Gazprom-Nähe von RosGas nicht kommentieren, schreibt aber auf seiner Webseite wörtlich: „RosGas is a company in Gazprom’s network of business interests.“ (siehe hier: www.emfesz.hu/index.php?p=news&act=show&cid=197 ). Und weiter: „Das neue Bezugssystem der Emfesz ist von der Ukraine unabhängig.“Eigentlich alles klar. Der Riese Gazprom selbst meint nur schläfrig, man verkaufe sein ganzes Exportgas an eine Firma Gazprom Export, von mehr wisse man nichts.
Der „Wilde Osten“ lebt, sogar auf Zypern und in der Schweiz
Noch weniger weiß aber offenbar der bisherige Eigentümer von dem Besitzerwechsel. Klingt komisch, ist aber so. Die Mabofi Holding teilte in einer Aussendung vom 7. Mai völlig entgeistert mit, dass man der „rechtmäßige Eigentümer von 100% der Aktien“ der Emfesz sei und nun rechtliche Schritte zur Sicherung dieses Eigentums prüfen müsse. Die Räuberpistole geht weiter: Man habe am Morgen des 6. Mai bemerkt, dass die Aktien von Emfesz ohne Erlaubnis auf eine RosGas A.G. in Zug überschrieben worden sind. Wie es dazu kommen konnte, weiß man bisher nicht, aber ein gewisser Tamás G(r)azda, ein ungarischer Rechtsanwalt, der bei Emfesz beschäftigt war, könnte ein Hinweis sein. Denn er wird als einer der Geschäftsführer der RosGas aufgeführt. Der „wilde Osten“ lebt, sogar auf Zypern und in der Schweiz.
„Weder die Mabofi, noch die DF-Gruppe (Holding darüber) oder jemand aus dem Management habe irgendeine Kenntniss von dem Verkauf, noch seine Zustimmung zu etwas derartigem erteilt.“, heisst es bei der Firma. Man glaube, dass der Emfesz-Generaldirektor István Góczi (der gerade aus dem Vorstand der DF Gruppe entfernt werden soll), den Deal aufgrund einer Vollmacht von 2004 durchgezogen hat, die ihm Prokura einräumte. Man werde in der Schweiz, in Zypern und Ungarn alle Hebel in Bewegung setzen, um den rechtmäßigen Eigentümer in sein Recht zu setzen. Nun, wie es um die Loyalität nicht nur ungarischer Geschäftsleute bestellt ist, davon können viele hier aktive ein Lied singen.
Die RosGas existierte übrigens schon vor dem Gasstreit, offenbar als schnelle Eingreiftruppe, die nun aktiviert wurde. Damals hiess sie Ikron und saß auch in der Schweiz. Das teilt der Marktbeobachter, die Stiftung Jamestown, in einer Analyse mit. Darin ist noch ein anderer hoher Emfesz-Mitarbeiter, András Laki, als Vorstandsmitglied der RosGas genannt.
Ungarn hat für Russland wichtige Bedeutung bei der Sicherung der Distribution von Erdgas nach Europa. Das zeigt nicht zuletzt die Kooperation der Gazprom mit der MOL bei der Errichtung eines riesigen Erdgaslagers in Ungarn und dem Joint venture zwischen beiden für die South Stream Pipeline. Der eigenartige Deal oder Klau, als was immer er sich herausstellen sollten, dient letztlich nur dazu den Einfluss der Gazprom auf die Verteilungswege nach Westen zu erhöhen und die Ukrainer, die man lange für die Durchleitung brauchte, nun aber politisch wie ökonomisch im Griff zu haben scheint, endgültig aus dem Geschäft zu entfernen.
www.emfesz.hu (Offizielle Firmenwebseite)
www.gas.hu (Handels- und Marketingportal der Emfesz)
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