Neue Akten aus dem Justizministerium und dem Sándor-Palast zeigen ein Klima interner Panik, informeller Interventionen und institutioneller Kontrollverluste rund um die Begnadigung von Endre Kónya.
Budapest. Die Veröffentlichung der internen Gnadenakten durch die Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar hat in Budapest eine politische Sprengkraft entfaltet, die weit über die ursprüngliche Affäre hinausgeht. Zwei Jahre nach dem Rücktritt der damaligen Präsidentin Katalin Novák offenbaren die Dokumente erstmals detailliert, wie isoliert, chaotisch und institutionell anomal die Begnadigung des Bicske-Mitwissers Endre Kónya tatsächlich zustande kam.
Was im Februar 2024 als moralischer Skandal begann, erscheint im Frühjahr 2026 zunehmend als Schlüsselmoment des Zerfalls des Orbán-Systems. Die nun veröffentlichten Unterlagen zeichnen das Bild eines Staatsapparats, der intern längst Alarm schlug, während die politische Führung versuchte, die Entscheidung nach außen als gewöhnlichen Vorgang darzustellen.
Zwei Akten unter derselben Nummer
Die neu freigegebenen Dokumente aus dem Justizministerium und dem Sándor-Palast bestätigen, dass praktisch keine beteiligte Fachstelle die Begnadigung von Endre Kónya unterstützte. Kónya, ehemaliger Vizedirektor des Kinderheims in Bicske, war rechtskräftig verurteilt worden, weil er Opfer unter Druck gesetzt hatte, ihre Aussagen gegen den pädophilen Heimleiter János Vásárhelyi zu ändern.
Sowohl das Justizministerium unter Judit Varga als auch die juristische Direktion des Präsidentenamtes empfahlen ausdrücklich die Ablehnung des Gnadengesuchs. Selbst Nováks eigener Kabinettschef stellte sich gegen eine positive Entscheidung.
Die Akten offenbaren jedoch einen außergewöhnlichen Vorgang: Mitarbeiter des Präsidentenamtes bereiteten „abweichend von der üblichen Praxis“ zwei unterschiedliche Dokumente unter derselben Aktennummer KEH/2787-6/2023 vor — eines mit der Formulierung „der Antrag wird abgelehnt“, das andere mit der Gewährung der Begnadigung. Das Ablehnungsdokument blieb unsigniert, während Novák schließlich die positive Entscheidung unterzeichnete.
Innerhalb des Sándor-Palastes war offenbar bereits damals die Einschätzung verbreitet, dass die Präsidentin in diesem Fall „nach eigenem Kopf“ handle und ihre eigene Verwaltung umgehe. Mehrere interne Vermerke deuten darauf hin, dass selbst ihre engsten Mitarbeiter über die endgültige Entscheidung nicht informiert wurden.
Die Geschwindigkeit des Vorgangs verstärkte intern zusätzlich die Nervosität. Die Begnadigungen sollten offenbar vor dem Besuch von Papst Franziskus Ende April 2023 abgeschlossen und kommunikativ begleitet werden. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Novák insgesamt 22 Personen gleichzeitig begnadigte — darunter auch mehrere Verurteilte im Hunnia-Komplex rund um György Budaházy.


Die Konstruktion des politischen Schadensbegrenzungsversuchs
Die Veröffentlichung der Dokumente hat innerhalb des ehemaligen Machtblocks von Viktor Orbán einen neuen offenen Konflikt ausgelöst. Besonders auffällig ist dabei der Versuch der verbliebenen Fidesz-Elite, die Verantwortung vollständig auf Katalin Novák zu konzentrieren und jede strukturelle Verbindung zur damaligen Regierung zurückzuweisen.
Gergely Gulyás erklärte in einem Facebook-Beitrag am Samstag, die neuen Dokumente würden beweisen, „dass die Regierung mit der Angelegenheit nichts zu tun hatte“ und dass allein die damalige Präsidentin die falsche Entscheidung getroffen habe. Gleichzeitig verteidigte Gulyás demonstrativ Zoltán Balog, der seit Beginn der Affäre als zentrale Figur hinter der Begnadigung gilt. Wie Gulyás schrieb:
„Nur weil Zoltán Balog in dieser Angelegenheit falsch gehandelt hat, werde ich ihn niemals verleugnen.“
Kurz darauf meldete sich Balog selbst telefonisch bei MTI zu Wort und versuchte ebenfalls, jede direkte Regierungsverantwortung zurückzuweisen. Weder Viktor Orbán noch dessen Ehefrau Anikó Lévai hätten ihn jemals gebeten, bei Novák zugunsten von Endre Kónya zu intervenieren. Auch kein einziges Regierungsmitglied habe ihn darum ersucht.
Balog bestätigte zudem wesentliche Elemente der neuen Dokumentenlage. Er räumte ein, persönlich bei Nováks Umfeld interveniert und gegenüber dem damaligen Kabinettschef Tamás Schanda „nachdrücklich“ um eine Begnadigung gebeten zu haben. Nach eigener Darstellung habe ihn die Ehefrau von Endre Kónya kontaktiert. Gegenüber Schanda habe er argumentiert, er halte die Behandlung Kónyas „grundsätzlich für unfair“ und glaube, dieser verdiene „eine zweite Chance“.
Magyars Gegenangriff trifft den neuralgischen Punkt
Ministerpräsident Péter Magyar reagierte unmittelbar auf die neuen Stellungnahmen aus dem Fidesz-Umfeld und versuchte, die politische Verantwortung erneut auf die verbliebene Parteiführung zu konzentrieren. Magyar schrieb auf Facebook:
„Gergely Gulyás hat sich früher hinter einen der Hauptverantwortlichen des Begnadigungsskandals gestellt und gesagt, dass er bleibt, solange Zoltán Balog bleibt. Was macht Gergely Gulyás überhaupt noch im Parlament?“
Der Schlagabtausch verdeutlicht, dass die Affäre auch zwei Jahre nach dem Rücktritt von Katalin Novák weiterhin als Symbolfall für die politischen und moralischen Verwerfungen der späten Orbán-Ära dient. Fidesz argumentiert nun, die Dokumente belegten eine isolierte Fehlentscheidung Nováks ohne Regierungsbeteiligung. Die neue Regierung versucht dagegen, die Vorgänge als Ausdruck eines breiteren informellen Machtgefüges darzustellen.
Die veröffentlichten Akten liefern dabei Material für beide Narrative. Einerseits enthalten sie bislang keine direkten Hinweise auf schriftliche Weisungen aus dem Umfeld des damaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Andererseits dokumentieren sie einen außergewöhnlichen Entscheidungsprozess, bei dem sowohl das Justizministerium als auch die juristischen Fachstellen des Präsidentenamtes die Begnadigung ausdrücklich ablehnten, die Entscheidung jedoch dennoch durch informelle Interventionen und außerhalb üblicher Verfahrensabläufe zustande kam.
Die Akten zeigen damit weniger einen einzelnen politischen Fehler als einen Staatsapparat, in dem selbst höchste Institutionen offenbar nicht mehr sicher waren, wie Entscheidungen tatsächlich zustande kamen.
Quellen: sandorpalota.hu, mti.hu
Photo: Prime Ministerial Office/Benko Vivien Cher/MTI/MTVA






