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Die Jazzszene „20 Jahre danach“ – Eine Disskusion in Budapest

(c) Pester Lloyd / 38 – 2009 KULTUR 16.09.2009

Brotlose Kunst als Preis der Freiheit?

Die Jazzszene „20 Jahre danach“ – Eine Disskusion in Budapest

Am Rande des MOL Jazzfestivals und Baltic Sea Festivals in Budapest diskutierte eine illustre Runde deutscher, ungarischer und französischer Jazzkenner zum Thema „Jazz und Identität – 20 Jahre nach der politischen Wende“. Dabei versuchte man nicht nur der kryptischen „Identität des Jazz“ zwischen Individuum und kollektiven Einflüssen auf die Spur zu kommen, sondern auch die praktischen Lebens- und Schaffensumstände zu beleuchten. Die allermeisten Jazzmusiker der neuen EU-Staaten können nämlich selbst in Zeiten, in denen Jazz als „trendy“ gilt, von ihrer Musik nicht leben.

Was meinen Jazzmusiker, wenn sie von einer „Identität des Jazz“ sprechen? Diese Frage versuchte Ekkehard Jost, anerkannter deutscher Musikwissenschaftler und Baritonsaxofonist, zu beantworten. Der mittlerweile 71-jährige habilitierte im Jahre 1973 über den Freejazz. Diese Arbeit gilt heute als erste musikwissenschaftliche Analyse zu diesem Thema. 1987 veröffentlichte er sein Buch „Europas Jazz 1960 – 1980“ und gilt seitdem als einer der Wegbereiter der europäischen Jazzbewegung. Ekkehard Jost

Origineller und einzigartiger Ausdruck der Persönlichkeit

Jost teilt die „Identität des Jazz“ in seinem Bestimmungsversuch in zwei unterschiedliche Teile: Zum einen gebe es da die „individuelle Identität“, welche die individuelle Entwicklung eines Jazzmusikers bezeichnet, die an der Originalität bzw. Einzigartigkeit seines Stils gemessen werde. Demnach habe ein Jazzer erst dann eine „individuelle Identität“, wenn sein Stil einen gewissen Widererkennungswert hat. Hierbei geht es nach Jost vor allem darum, dass der Musiker im Laufe seiner Entwicklung lernt, seiner Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, sie musikalisch zu entfalten. Bezeichnend für diese Form der musikalischen und persönlichen Entwicklung im Jazz sei sowohl die Improvisation als auch eine schrittweise Entfernung von der meist zu Beginn eines Musikerlebens vorherrschenden Methode der Imitation des Stils eines bestimmten Vorbildmusikers.

Emanzipation von den Vorbildern

Jost stellt nun der individuellen Identität, die als genuine Identität des Freejazzers bezeichnet werden kann, die so genannte „kollektive Identität“ gegenüber. Diese Identität versucht sich – ganz im Gegensatz zu ihrem individuellen Gegenüber – an einer bestimmten Jazz-Richtung und mit dieser an einer Gruppe zu orientieren, in deren Kollektiv sie sich musikalisch ausbildet. So sieht Jost beispielsweise die Ausbildung des europäischen Jazz als eine individuelle Identitätssuche europäischer Jazzmusiker, die sich noch bis zum Vietnamkrieg in erster Linie am Vorbild des afroamerikanischen Jazz orientiert hatten. So habe sich die europäische Jazzidentität erst im Rahmen der Abgrenzung und Emanzipation von der afroamerikanischen herausgebildet.

Jazz als internationale Sprache

Während anwesende Experten wie der französische Leiter des Festivals Jazz a Junas, Stéphane Pessina Dassonville, hinsichtlich der europäischen Jazzbewegung von der Herausbildung nationaler Jazzstile sprechen, wendet sich der Alt-68er Jost entschieden gegen eine Verwendung des Ausdrucks „Nationaler Jazz“. Stattdessen schlägt der passionierte Saxophonist vor, von unterschiedlichen „kulturellen Einheiten“ zu sprechen, womit er sich auch im soziologischen Sprachgebrauch auf der Höhe der Zeit befindet.

„Sehen wir einmal davon ab, dass es in verschiedenen Ländern durchaus voneinander abweichende Auffassungen und Spielweisen gibt“, würde er seine eigenen Projekte niemals als „deutschen Jazz“ bezeichnen. So verstehe der Jazzanalytiker die Entwicklung des europäischen Jazz ab 1972 auch eher als eine Bewegung, die von einer Auffassung als nationalem Jazz weg- und zu einem Verständnis als „internationaler Sprache“ hinführe.

Folkloristische und moderne Elemente verbinden sich auf kreative Weise

Der Musikkritiker und ehemalige künstlerische Leiter der Leipziger Jazztage, Bert Noglik, merkte zu diesem Thema an, dass der gesamte Prozess der Identitätsfindung nicht nur im Jazz so vielschichtig sei, dass er nicht mehr in analytische Bestandteile zerlegt werden könne. In Abgrenzung zu Josts Position würde Noglik die Bildung einer neuen Identität immer auch als eine „Speisung aus der Geschichte“ verstehen wollen. Mit dieser Bemerkung bezieht sich der Kulturwissenschaftler auf die Tatsache, dass eine neue Identität immer auch Bestandteile in sich vereint, die in der Vergangenheit bereits vorgekommen sind, wie z.B. im thematischen Materialbereich oder auch in Form von folkloristischen Elementen.

Das Zentralquartett Károly Binder, Professor für Jazz-Piano und Leiter des Music Teacher´s Training Institute der Franz Liszt Akademie in Budapest, studierte gemeinsam mit dem international bekannten Saxophonisten Mihály Dresch Mitte und Ende der 70er Jahre an der Jazz-Abteilung der Franz Liszt Akademie. Damals, so Binder, hätten sich Dresch und er entgegen der vorherrschenden Lehrmethode, die üblichen Standards einzustudieren, viel lieber mit ungarischer und rumänischer Folklore beschäftigt. Die Abwendung von den aus den USA stammenden Jazz-Standards und die Hinwendung zu einheimischer Folkloristik seien mit Nichten – wie es der in der Tradition des Freejazz heimischen Jost provokant unterstellt – als ein „gewisser Opportunismus“ zu verstehen. Vielmehr sei es Binders und Dreschs Absicht gewesen, ihre kreative Entwicklung voranzutreiben, indem sie moderne und traditionelle Elemente im Jazz miteinander verbanden und somit gewissermaßen auch die individuelle mit der kollektiven Identität in Einklang brachten. So lässt Binder fast flüsternd und ganz nebenbei Bemerkungen fallen, die wie philosophische Weisheiten klingen: „Ich versuche die individuelle und kollektive Identität zu bündeln, um sie in eine Richtung zu führen.“ Oder: „Jazz ist die Befreiung der Seele von der Gebundenheit des Schicksals.“

Viele Talente, gute Ausbildungen und trotzdem kein Land in Sicht

Zum eigentlichen Thema der Diskussionsrunde – der Entwicklung des Jazz nach 1989 – wurde interessanterweise nur sehr wenig berichtet, was man unter Umständen als einen Anhaltspunkt dafür nehmen könnte, dass es dem Jazz heute schlechter ergeht als zuvor. Dieser Eindruck trifft innerhalb der EU vor allem auf die jüngeren Mitgliedsstaaten zu: Ungarn, von der Wirtschaftskrise mit am stärksten gebeutelt, ist leider noch weit davon entfernt, ein in ökonomischer Hinsicht funktionierendes Managementsystem auf die Beine zu stellen, das vor allem auch den jungen Jazz-Talenten zu Gute kommt. Das ist die Bestandsaufnahme von Kornél Zipernovszky, Mitorganisator des MOL Jazz-Festivals und Verantwortlicher für internationale Beziehungen des Budapest Music Center.

Mihály Dresch Zipernovszky bestätigt zwar, dass die staatlichen Förderprogramme für talentierte Jungmusiker gerade in Ungarn von großer Bedeutung sind, allerdings würden diese nur wenig nutzen, wenn die jungen Wilden nach ihrer Ausbildung in zu wenigen Clubs noch weniger Geld verdienen könnten. Jazzer mit einer hervorragenden Ausbildung gäbe es genug, jedoch würden sich Jazz-Clubbesitzer zurzeit auf sehr dünnem Eis bewegen und nicht selten einbrechen.

Berlin – europäischer Jazzhimmel mit einer Rutsche in den Abgrund der Vergessenheit

Noglik hingegen schwärmt von der fruchtbaren Entwicklung der Jazz-Szene im vereinigten Berlin, wo der Osten mit dem Westen mittlerweile gemeinsam improvisiert und sich mit der internationalen Szene zu einem ganz besonderen Phänomen vermischt.

Hans-Christian Broecking, Mitbegründer des Jazz Radio Berlin und Autor des Buches Der Marsalis-Faktor, hält ebenfalls große Stücke auf die „staatlich subventionierte Identitätsförderung“, ohne dabei einen kritischen Unterton vermissen zu lassen. Schade findet es der Musikjournalist und Soziologe allerdings, dass DDR-Jazzurgesteine wie das Zentralquartett – im Jahre 1972 als Synopsis gegründet – nach der politischen Wende nicht nur in Vergessenheit geraten sind, sondern auch einem radikalen sozialen Abstieg ausgesetzt waren, der die Mehrheit der Bandmitglieder anstatt auf die Bühnen der Welt in die Wartesäle der Arbeitsämter beförderte.

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