(c) Pester Lloyd / 40 – 2009 GESELLSCHAFT 30.09.2009




20 Jahre Grenzöffnung in Ungarn
Eine ungarische Flüchtlingshelferin erinnert sich an 1989
Mária Szondi hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt und spricht dennoch von „kriegsähnlichen Zuständen“, damals, im Sommer 1989. Während die Mächtigen der Politik Ränke spielten, halfen sie und viele andere Ungarn den Menschen konkret. Die DDR-Bürger konnten das Eingesperrtsein einfach nicht mehr ertragen, stellt sie fest. Und die Debatten über einen Schießbefehl der ungarischen Grenzpolizei hält sie schlicht für „ein Märchen“.
Mária Szondi ist im Jahre 1933 in Budapest geboren, von Seiten der Mutter halbe Italienerin und war Zeit ihres Lebens Ärztin mit den Fachgebieten Neurologie, Psychiatrie und klinische Psychologie. Ihre ersten Berufserfahrungen sammelte sie in einer neurologischen Abteilung eines Budapester Krankenhauses. Später arbeitete sie 30 Jahre als Direktorin in einem klinischen Institut für schwer behinderte Kinder. Der Pester Lloyd befragte sie zu ihren Erlebnissen und ihrem Engagement im Dienste des ungarischen Malteser Hilfsdienstes im Jahr 1989, als tausende ostdeutsche Flüchtlinge in Budapester Flüchtlingslagern aufgenommen und versorgt wurden.
Aus der Passion und Lebensaufgabe heraus zu helfen und auf Grund des Kontaktes zu ihrer Freundin, der deutschen Exil-Ungarin Csilla von Boeselager, erwuchs schließlich die Idee, sich um die ostedeutschen Flüchtlinge zu kümmern, die im Jahre 1989 nach Ungarn kamen. Szondi und Boeselager gründeten noch unabhängig von den Vorwendeereignissen gemeinsam mit 30 Beteiligten und mit Zustimmung der ungarischen Regierung Anfang Februar den ungarischen Malteser Hilfsdienst (Magyar Máltai Szeretetszolgálat) in Budapest. Auf diese Weise wollten sie wesentlich zum friedlichen Wandel in Ungarn und im Ostblock beitragen, was ihnen auch deshalb gelang, da die sowjetische Führung immer weniger in Ungarns Innenpolitik eingriff.
Der Magyar Máltai Szeretetszolgalat war erst die dritte offiziell eingetragene Stiftung des Landes und Gegenstück des im Dezember 1988 ins Leben gerufenen Ungarischen Malteser Caritas-Dienstes e.V. in Deutschland. Von Boeselager fungierte dabei als erste Vorsitzende dieses Vereins. Sie war es auch, die Szondy kontaktierte und als wichtiges Mitglied gewinnen konnte. Diese erinnert sich noch gut daran, wie ihre Freundin sie und die anderen aufforderte, gemeinsam mit ihr die Malteser in Ungarn zu gründen. Auf diese motivierenden Worte folgten Taten.
„Ich wollte nur etwas helfen…!“
Bereits zu Beginn des Projektes, als es vornehmlich um die Hilfe bedürftiger Menschen und Familien im Land ging, erhielten sie aus ganz Europa Hilfe. Viele Leute spendeten Kleidung, Spielzeug und Lebensmittel und engagierten sich ehrenamtlich. Szondi selber arbeitete nach ihrer morgendlichen Arbeit im Institut immer ein paar Stunden für die Malteser. Ihren Arbeitskollegen im Hospital berichtete sie von der Stiftung, so dass diese sich ebenfalls beteiligten und wiederum unter ihren Bekannten neue ehrenamtliche Helfer warben. Die Arbeit für die Stiftung lief ganz zwanglos ab, berichtet Szondi mit südländischer Leichtigkeit, jeder Helfer war willkommen, egal, wie viel Zeit er mitbrachte. Und so wuchs und gedieh die Organisation prächtig.
Auf die Frage, wie es um die Armutslage in Ungarn Ende der 80er Jahre bestellt war, antwortet Frau Szondi mit einem Schmunzeln: „Jetzt herrscht viel größere Armut als zu jener Zeit! Damals gab es in Ungarn z.B. keine Obdachlosen und alle hatten Arbeit. Es gab zwar arme Familien, aber nicht so wie heute.“
Wird Frau Szondi nach ihren persönlichen Beweggründen gefragt, den Flüchtlingen aus der DDR helfend zur Seite gestanden zu haben, antwortet sie selbstlos: „Ich wollte nur etwas helfen, ich liebte das Organisieren und ich half gerne meiner Freundin Csilla.“ Szondi und Boeselager, die für ihr umfassendes Engagement im Wendejahr 1989 u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Europäischen Preis für Menschenrechte ausgezeichnet worden ist, ergänzten sich hervorragend: Zielstrebigkeit und der Wunsch, etwas Neues zu schaffen, verbanden die beiden Frauen miteinander.
Flüchtlinge lagen auf der Straße vor der westdeutschen Botschaft
Im August 1989, nur ein halbes Jahr nach der Gründung der Stiftung, kamen dann erste größere Flüchtlingsströme. Die ersten Flüchtlinge lagen auf der Straße vor der westdeutschen Botschaft in Budapest, berichtet Szondi, das sei schrecklich gewesen. Zuerst zehn, fünfzehn, dann hundert und mehr Menschen – unter ihnen auch Kinder. Dr. Alexander Arnot, der damalige Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Budapest, wandte sich daraufhin an Frau Boeselager. Er hatte von den Maltesern gehört und bat sie um Hilfe. Die Malteser stellten sich dieser großen Herausforderung und errichteten umgehend mit der Hilfe des Pfarrers Imre Kozma im Garten der Pfarrei von Zugliget in der Szárvas Gábor út erste Zelte für die Flüchtlinge.
Ihrem obersten Gebot folgend, Menschen in Not zu helfen, widmeten sie sich der Aufgabe, den Flüchtlingen beizustehen und sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Insgesamt entstanden drei Flüchtlingslager in Budapest, die nach kurzer Zeit alle voll belegt waren. Zur Verstärkung forderte Boeselager Mitglieder des Deutschen Malteserdienstes aus München an, die bereits einen Tag später in Budapest ankamen. Szondi schwärmt von der enormen Hilfsbereitschaft, die damals die Atmosphäre prägte. Sie erinnert sich daran, wie z.B. Gulaschkanonen angefahren wurden, da sie hervorragende Beziehungen sowohl zu den umliegenden Krankenhäusern als auch zur Bundesdeutschen Vertretung in Budapest hatte, so dass sie alle gemeinsam die Versorgung managen konnten.
Tragisch war es nur, dass der Tag nur 24 Stunden hatte
Auch um physische Beschwerden kümmerten sie sich. Doch rückblickend ist die lebenserfahrene Ärztin immer noch erstaunt darüber, wie komplikationslos die Organisation sowie die Versorgung abliefen. Selbst sanitäre Einrichtungen stellten kein Problem dar. Ein Krankenhaus aus der Umgebung belieferte sie einmal täglich mit warmen Speisen, was wiederum von der bundesdeutschen Regierung finanziert wurde. Auch ist Szondi noch gegenwärtig, dass sie Einweggeschirr- und besteck zur Verfügung hatten, was ihnen den Abwasch und somit viel Arbeit ersparte. Und obwohl es in den Lagern keine Elektrizität gab, fehlte es ihnen an nichts. So beschreibt die lebensfrohe Optimistin die Bedingungen im Flüchtlingslager verständlicherweise nicht als tragisch: Tragisch wäre es lediglich gewesen, „dass der Tag nur 24 Stunden hatte“.
Szondi führte auch zahlreiche Gespräche mit Flüchtlingen, in denen sie erfuhr, was sie aus ihren eigenen DDR-Besuchen bereits wusste: Die Ostdeutschen hatten zwar mehr Geld als die Ungarn, aber ihr Problem eingesperrt zu sein, wurde auf die Dauer unerträglich. Viele Flüchtlinge waren deshalb spontan in Richtung Ungarn geflüchtet, ohne besondere Vorbereitungen zu treffen oder die Familie über ihre Entscheidung in Kenntnis setzen zu können. Natürlich hätten sie sich um ihre zurück gelassenen Familien gesorgt und sich ständig gefragt, wie es ihnen nun – nach ihrer Flucht – in der DDR ergehen werde. Und trotzdem hatte für sie die Devise gegolten: „Weg, weg, weg!“
Helfer und Flüchtlinge befanden sich zu keiner Zeit in Gefahr
Die meiste Unterstützung erhielten die engagierten Malteser aus Bundesrepublik, betont Szondi. Immer wieder hebt sie den guten Kontakt zur deutschen Botschaft hervor: An manchen Tagen telefonierten sie sogar stündlich. Sie selbst hatte auch Kontakte zur bundesdeutschen Regierung, weshalb sie insbesondere über die politische Situation stets auf dem neusten Stand war.
Die Situation damals im Flüchtlingslager kann selbstverständlich nicht mit heutigen Flüchtlingslagern z.B. in Kriegsgebieten wie Somalia verglichen werden, so Szondi. Trotzdem sei es eine schockierende Erfahrung gewesen, zu erleben wie ostdeutsche und Flüchtlinge aus anderen ehemals durch die Sowjetunion besetzten Ländern wie Rumänien mittellos und hilflos im Lager ankamen. Die Malteserin hat den Zweiten WK miterlebt und bezeichnet diese Situation als einen „durchaus kriegsähnlichen Zustand“. Allerdings betont sie auch, dass sich sowohl die Helfer als auch die Flüchtlinge zu keiner Zeit in irgendeiner Gefahr befunden hätten. Mit dieser Bemerkung spielt sie auch auf die Diskussion um den Schießbefehl für die ungarische Grenzpolizei an, den es „zu dieser Zeit schon längst nicht mehr gegeben“ hätte. „Das sind alles Märchen!“ so Szondi. Solche und ähnliche Behauptungen seien für sie „pure Lügen“, wenn gleich es mittlerweile allgemein bekannt ist, dass die ungarische Grenzpolizei zu jener Zeit sowohl einen Schießbefehl im Falle der Bedrohung des eigenen Lebens, als auch einen Nicht-Schießbefehl erhalten hatte. Diese paradoxe Befehlssituation führte zu großen Spannungen und Verwirrungen innerhalb der Grenztruppen. Und dennoch ist es richtig, was Szondi sagt, nämlich dass die ungarische Regierung in jenen Tagen eine eher gemäßigte Politik betrieb und somit die politische Wende schon seit längerer Zeit in die Wege leitete.
Wenn die Sonne auf die linke Schulter scheint, bist du richtig!
So wie Szondi von den Ereignissen vor 20 Jahren berichtet, könnte der Zuhörer meinen, sie sei nur eine einfache Helferin gewesen, die sich wie viele andere auch im Hintergrund helfend betätigte. Natürlich stimmt das, aber es würde auch stimmen, tauschte man das Wort „Hintergrund“ gegen das Wort „Untergrund“ aus. Von sich aus, ohne dazu befragt zu werden, stellt sie plötzlich die Frage, wie denn die ersten Flüchtlinge nach Österreich weitergelangt seien?
Ihre Antwort: Kurz vor der österreichischen Grenze befand sich ein Sonnenblumenfeld, dessen Pflanzen so groß wie ein Mensch gewesen wären. Am Ende des Feldes war schon Österreich, das hatte sie sich auf einer Landkarte angeschaut, an Hand derer sie mit Angehörigen der Deutschen Botschaft besprach, wie die Flüchtlinge über die Grenze kommen könnten. Der Plan: Sie sollten am Vormittag durch das Feld gehen und immer darauf achten, dass ihnen die Sonne auf die linke Schulter schien. Wenn dem so war, konnten sie sich sicher sein, am Ende nach Österreich zu gelangen – so einfach wäre das gewesen! Allerdings war das im August ´89 noch nicht legal wie es ab dem 12. September der Fall war. Und die „Aktivistin“ Szondi schließt ihre kleine Geschichte mit dem Satz: „Eine interessante Zeit war das.“
Malteser Hilfsdienst in Ungarn: www.maltai.hu
Text: David Völker, Caroline Schröder, Tibor Wilhelm Benedek
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(c) Pester Lloyd
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