Die historische Hitzewelle bringt Ungarn an einen kritischen Punkt. Erstmals in der Geschichte des Kernkraftwerks Paks muss die Stromproduktion wegen des extrem niedrigen Donaupegels nahezu vollständig eingestellt werden – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft, Energieversorgung und öffentliche Infrastruktur. Während Unternehmen bereits freiwillig ihren Verbrauch drosseln, bereitet sich das Land auf die schwierigsten Tage seit Jahrzehnten vor.
Budapest. Ungarn befindet sich in einer Extremsituation. Eine Hitzewelle mit Spitzenwerten von bis zu 42 Grad Celsius hat den Wasserstand der Donau auf historische Tiefstände gedrückt und zwingt das Kernkraftwerk Paks, seine Reaktoren schrittweise vom Netz zu nehmen. Bereits in der Nacht zum Sonntag fiel der vorletzte Block aus, die Leistung sackte von rund 2.000 auf lediglich 240 Megawatt ab. Sinkt der Pegel um einen weiteren Zentimeter auf minus 134 Zentimeter, wird auch der letzte Reaktor abgeschaltet – zum ersten Mal seit Inbetriebnahme des Kraftwerks vor 44 Jahren.
Ministerpräsident Péter Magyar sprach von einer beispiellosen Krise.
„Wir stehen vor einer noch nie dagewesenen Energiekrise“
sagte er im Fernsehsender RTL. Die kommenden fünf Tage seien die kritischste Phase, anschließend müsse das Land grundsätzliche Konsequenzen ziehen.
„Danach müssen wir Lehren ziehen und endlich massiv in den Ausbau der Windenergie investieren.“
Noch gravierender ist eine weitere Aussage des Regierungschefs: Paks könnte nicht nur wenige Tage, sondern mehr als einen Monat vollständig außer Betrieb bleiben. Für ein Land, dessen einziges Kernkraftwerk rund ein Drittel des Strombedarfs deckt, wäre dies ein Einschnitt historischen Ausmaßes.
Die Regierung versucht, Zwangsmaßnahmen gegenüber Privathaushalten zu vermeiden. Stattdessen sollen zunächst energieintensive Industriebetriebe eingeschränkt werden. Bereits fast 300 Unternehmen haben freiwillige Verbrauchsreduzierungen zugesagt, darunter MOL, Audi und Gedeon Richter. Der Schienengüterverkehr wird am Montagabend zeitweise eingestellt, zahlreiche Behörden schalten Klimaanlagen und Beleuchtung ab.
„Wir erwarten, dass wir mit dem Verständnis der Unternehmen, der Kommunen und der Bevölkerung die Stabilität des Systems aufrechterhalten können“
erklärte Magyar. Gleichzeitig warnte er vor lokalen Stromausfällen oder technischen Problemen, obwohl das Netz insgesamt stabil gehalten werden solle.
Dass die Lage weit über eine reine Energiekrise hinausgeht, zeigt sich im Alltag. Das Umweltministerium meldet zwar eine landesweit gesicherte Trinkwasserversorgung, räumt jedoch Probleme in zehn bis zwanzig Gemeinden ein. Der Wasserverbrauch ist infolge der Hitze um mehr als 25 Prozent gestiegen und bringt das Versorgungssystem an seine Belastungsgrenze. Die Behörden rechnen mit mindestens zwei weiteren Wochen extremer Temperaturen.
Die Hitzewelle fordert inzwischen auch Todesopfer. Auf dem Ozora-Festival brach eine 39-jährige Ungarin zusammen und starb trotz sofortiger Reanimationsversuche. Nach bisherigen Erkenntnissen führte die extreme Hitzebelastung zu ihrem Zusammenbruch. Der Fall verdeutlicht, dass Temperaturen von über 40 Grad nicht nur ältere oder vorerkrankte Menschen gefährden, sondern auch vergleichsweise junge Erwachsene in akute Lebensgefahr bringen können.
Parallel wächst die gesellschaftliche Solidarität: Die jüdischen Dachorganisationen Mazsihisz und BZSH schalteten die Fassadenbeleuchtung ihrer Gebäude ab, darunter auch die weltberühmte Dohány-Straßen-Synagoge, und riefen ihre Gemeinden zu konsequentem Energiesparen auf. Es ist ein symbolischer Schritt, der zeigt, dass die Bewältigung dieser Krise längst als gemeinsame Aufgabe verstanden wird.
Am heutigen 2. August hat der Apell eine besondere Bedeutung: Europa erinnert an den Roma-Holocaust, an die Ermordung tausender Sinti und Roma im sogenannten „Zigeunerfamilienlager“ Auschwitz-Birkenau in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944. Auch in Ungarn finden heute Gedenkveranstaltungen statt. Während das Land gleichzeitig mit einer historischen Natur- und Energiekrise ringt, bleibt dieser Tag eine Mahnung, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidarität gerade in Ausnahmesituationen unverzichtbar sind.
Ob die nächsten Tage ohne verpflichtende Stromabschaltungen überstanden werden, hängt nun von mehreren Faktoren ab: der Bereitschaft großer Verbraucher zum Energiesparen, den Importmöglichkeiten aus den Nachbarstaaten – und vor allem vom Wetter. Erst mit sinkenden Temperaturen und Niederschlägen im Einzugsgebiet der Donau könnte sich die Lage langsam entspannen. Bis dahin befindet sich Ungarn in einer Extremsituation, wie sie das Land in seiner jüngeren Geschichte kaum erlebt hat.
Quellen: MTI.hu, RTL
Photo: AI-generierte Illustration zur Abschaltung von des Paks Atomkraftwerk













