(c) Pester Lloyd / 12 – 2009 WIRTSCHAFT 15.03.2009
Die deutsche Wirtschaft in Ungarn warnt vor Protektionismus
Manch einem mag es auf den ersten Blick ein wenig eigenartig vorkommen, dass ausländische Investoren, die jahrelang mit Steuervergünstigungen, verbilligten oder gar kostenlosen Grundstücken der Kommunen oder handfesten Investitionszuschüssen ins Land gelockt wurden, sich nun darüber beklagen, dass es angesichts der Krise der ungarischen Wirtschaft eine Tendenz zum protektionistischen Gebaren gibt.
Jeder, der einmal über die Westautobahn nach Budapest fuhr, wird die hunderte Unternehmensschilder nicht übersehen haben, die in Budaörs als eindrucksvolles Zeugnis der Nachwendeära prangen. Für die einen sind sie Zeichen einer unvermeidlichen Entwicklung, Symbol wirtschaftlicher Freiheit im EU-Binnenmarkt, für andere schlicht das Symbol des Ausverkaufs. Unter all den Schildern von IKEA bis Metro findet sich nämlich so gut wie kein ungarisches. Ungarisches Produkt oder österreichische “Mogelpackung”? – Die Frage, was ungarisch ist und was nicht, ist im Zeitalter Europas einfach lächerlich. Foto: Wiesbauer
Nun stellt sich natürlich die Frage, welche die DUIHK naturgemäß ablehnend beantwortet, ob es sinnvoll ist, Quoten für ungarische Produkte bei Händlern ins Gespräch zu bringen und ungarische Unternehmen bei Ausschreibungen zu bevorzugen. Rechtlich möglich ist es nicht und organisatorisch ist es unmöglich, denn erklären Sie mir bitte, was ein ungarisches Produkt ist! Der japanische Suzuki, der zwar zur Gänze in Ungarn produziert wird, aber dessen Gewinne nach Japan wandern? Oder der Audi, dessen Motor aus Györ stammt? Die ungarische Salami, na gut. Aber passen Sie bloß auf, dass sie nicht die Puszta Tura erwischen, die stammt nämlich aus dem Hause Wiesbauer aus Wien-Favoriten. Unicum aber! Ja, ein zweifelsfrei urungarisches Produkt diese Tinktur, die wie kaum ein anderes Getränk die zähe Schwermut, die dunkle Bittersüße der ungarischen Volksseele alkoholisch spiegelt. Unicum stammt aus dem Hause Zwack, des aus der Fremde heimgekehrten Sohnes und leuchtenden Beispiels für Unternehmergeist und Patriotismus. Nun, zu einem guten Viertel stimmt das, der andere Teil gehört der Familie Underberg in Düsseldorf und einem angelsächsischen Großkonzern. Prosit!
Deutsche Unternehmen sind ein wesentlicher Motor der ungarischen Wirtschaft. Wer diesem Motor Sand ins Getriebe streut, schadet Ungarn.
Wie Sie sehen, sind die Bedenken der deutschen Wirtschaft unbegründbar, weil die Drohung nationalistischer oder einfach dumpf-populistischer Politiker, von denen es in Ungarn mehr zu geben scheint als echte ungarische Salamis, ins Leere laufen müssen. Wer sich in Ungarn für Protektionismus einsetzt, ist Opfer merkantiler Schizophrenie geworden und sollte sich in Behandlung begeben. Entsprechende Gesetze müssten vor jedem Gericht scheitern, Ungarn schadete sich als völlig vernetztes und vom Außenhandel abhängiges Land ohnehin nur selbst. So gesehen, ist die Stellungnahme der DUIHK zwar sachlich richtig, in seiner brandredenartigen Verfasstheit aber ein übertriebenes Produkt. Man sollte mit Gelassenheit zwischen tatsächlichen Gefahren und dem Populismus von in der einen oder anderen Ecke stehenden Politikern unterscheiden können.
Richtig und wichtig hingegen ist der Hinweis auf praktisch wirksame Wirtschaftshilfen und das sozial wie ökonomisch verantwortliche Handeln der großen Mehrzahl der hier engagierten deutschen Firmen. Deutsche Unternehmen sind ein wesentlicher Motor der ungarischen Wirtschaft. Wer diesem Motor Sand ins Getriebe streut, schadet Ungarn.
Unser monatlicher Nachrichtenspiegel: die wichtigsten Meldungen aus Ungarn und Mitteleuropa, einmal im Monat per E-Mail. Kostenlos, kein Spam, jederzeit abbestellbar.
Nachrichtenspiegel kostenlos abonnieren





