(c) Pester Lloyd / 24 – 2009 SPORT 12.06.2009
Matthäus in Ungarn, Kapitel 2
Früher nannte man Dinge noch beim Namen, auch schreckliche Dinge. Entlassungen waren noch keine Freisetzung von Humankapital, Twix hieß Raider, Arcandor waren Karstadt und Quelle und eine Verbannung nannte niemand Trainerverpflichtung. Nun hat, angeblich freiwillig, der Weltmeister, Nationalspieler mit 150 Einsätzen und mehrfache deutsche Meister, Lothar Matthäus, einen Zweijahresvertrag beim FC Fehérvár unterschrieben.
Ein Weltklasse-Spieler ist nicht automatisch ein guter Trainer. Ok, aber Székesfehérvár? Nun gut, der 100.000 Einwohner zählende Ort, dt. Stuhlweißenburg, war die erste ungarische Hauptstadt, aber das war 927. Dutzende Könige, darunter der Reichsgründer, der Heilige Stephan wurden hier gekrönt, aber das endete im 16. Jahrhundert. Danach fungierte die Stadt als Grenzbefestigung des Osmanischen Reiches und das war es dann auch im wesentlichen. Heute ist der Ort, von ein paar historischen Gebäuden abgesehen, ein reizloses Nest, dessen größter Vorzug die Nähe zum Balaton, dem Velence See, dem malerischen Bakóny-Gebirge und zur ungarischen Hauptstadt darstellt. Begraben sein, will da keiner. Die zehn ungarischen Könige, die tatsächlich hier begraben sind, würden sich das heute auch nochmal überlegen. Fotocollage: Pester Lloyd
Ein magerer sechster Platz war die Ausbeute der letzten Saison des FC Fehérvár, der 2006 noch Pokalsieger war. Größter Sponsor ist der heimische Elektronikhersteller Videoton, die Fans nennen ihren Verein liebevoll Vidi. Am 19. Juni wollen die Granden des FC in der Stadt als Retter präsentieren, wohl wissend, dass er kein Apostel ist. Eine Krönung zum Fußballkönig scheint ebenso unwahrscheinlich. Sicher alles ein Spaß für lokale Gemüter. Auf der Homepage wurde er schon einmal herzlich begrüßt, und dezent aber doch sichtbar darauf hingewiesen, dass er aus „Nyugat-Németország“, also Westdeutschland stammt, was irgendwie nach mehr klingen soll.
In Deutschland atmet man dagegen auf, in West wie Ost. Massen von Fans bangten um ihre Klubs, die Fußballjournalisten dachten schon an Umschulung. Ein Gespenst ging um: Matthäus könnte beruflich nach Deutschland zurückkehren, gar Fortuna Düsseldorf trainieren wollen. „Endlich Ruhe vor Matthäus – Der Spuk ist endlich beendet“ titelte dann auch gleich die Rheinische Post erleichtert. Aufgeatmet hatten vorher schon: Rapid Wien, Partizan Belgrad, Paranaense (Brasilien), Red Bull Salzburg, Macabi Netanya. Ob die vereinigten Fußballtrainer der Welt oder sonst ein Komplott dahinter steckte, Matthäus an den für ihn vermutlich unaussprechlichsten Ort Székesfehérvár zu verbannen, ist die eine Frage, zumindest wird die Verpflichtung Matthäus`nach der Wirtschaftskrise und den Türkenkriegen, die nächste große Prüfung für den alten Ort. Der Fußball wird ihr erstes Opfer sein.
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