(c) Pester Lloyd / 50 – 2008 FEUILLETON 10.12.2008


Vor 90 Jahren im PESTER LLOYD:
Grüß Gott, da bin ich wieder!
Karl Marx „Zum hundertsten Geburtstag“ Von Dr. Alexander Petrovics, Pester Lloyd ,1918
(…) Der Marxismus macht augenblicklich offenbar eine gefährliche Krise durch. Seinen Gegner könnte sie erwünschten Anlaß bieten, um Marxens Bedeutung gerade jetzt, da sich sein hundertster Geburtstag jährt, herabzusetzen oder gar wegzuleugnen. An Versuchen hat es auch bisher nicht gefehlt. Auch die Versuchung lag nahe. Die verflossenen hundert Jahre waren Zeiten des Dampfes und des elektrischen Funkens. Die Ereignisse überstürzten sich; was gestern wahr und heilig schien, war morgen widerlegt und entweiht. Das war auch mit einem guten Teil der marxistischen Lehre der Fall. Die Anwendung der dialektischen Methode Hegels auf alles gesellschaftliche, wirtschaftliche und geschichtliche Getriebe wurde von den meisten sozialistischen Schulen Englands, Frankreichs und Rußlands noch zu Marxens Lebzeiten abgelehnt.
Abb.: Cover des Eulenspiegel Verlages, Karl Marx in der Karikatur
Auch war die Sache gar nicht neu, denn das Wesentliche dessen, was Hegel in seinen schwerfälligen Perioden im Schweiße seines Angesichtes verkündete, hatten die alten indischen Seher vor nicht weniger als vier Jahrtausenden, nach des Engländers Dates beredtem und beglaubigtem Zeugnisse, in leichtem Versmaße niedergeschrieben.
In den uralten Sanchya, die Schopenhauer an der Hand der Upanischaden als den „Inbegriff fast übermenschlicher Weisheit“ verherrlichte, stand der Kern von Kants Metaphysischem zu lesen. Der von den Griechen bereits mit dem Namen „der Dunkle“ bezeichnete Heraklitos von Ephesus bemühte sich um die „immanente Negation“ mit nicht minderem Eifer als Georg Willhelm Hegel um die „Auflösung jedes Begriffes in sein eigenes Gegenteil und die dadurch vermittelte Erhebung desselben zu einem reicheren Inhalt“. Der dunkle Heraklit begnadigt sogar zum Schlusse seine geplagten Leser und Jünger, indem er sein philosophisches Sichkrümmen in den poetischen Satz ausklingen läßt: „Der Streit ist das Recht der Welt, der Vater und König aller Dinge.
Was gegeneinander strebt, stützt sich. Auf dieser entgegengesetzten Spannung beruht die Harmonie der Welt, wie die der Leier und des Bogens.“ Das liest sich offenbar angenehmer, als alles andere über „Klassengegensätze“. Die Kardinalthese von der materialistischen Geschichtsauffassung wurde auch so ziemlich von allen nichtdeutschen Sozialisten, voran den Russen Peter D. Lawrow und Nikolai K. Michailowski, beide übrigens persönliche Freunde und Verehrer Marxens, entschieden erfolgreich widerlegt. Abb.: Karl Marx ikonosiert in Karl-Marx-Stadt und versteinert in der der DDR
Beide stellten jenem geschichtlichen Determinismus das bewußt handelnde Individuum entgegen, das allerlei deutsche Soziologen in Verfolg der marxistischen Auffassung kurzweg als „Idiot“ bezeichneten und in der Weltgeschichte nur als solches gelten lassen wollten. Es gereicht der deutschen Sozialdemokratie nur zur Ehre, wenn sich Eduard Bernstein gerade aus ihrer Mitte erhob, um, alle taktischen Rücksichten beiseite schiebend, das Unhaltbare dieser wie der meisten übrigen obsoleten Lehrsätze seines Meisters rückhaltlos anzuerkennen.
Friedrich Engels korrigierte übrigens auch seinerseits diese marxistische Doktrin, indem er zugab, daß „die Menschen ihre Geschichte machen, indem jeder seine eigenen bewußt gewollten Zwecke verfolgt und die Resultante dieser vielen, in verschiedenen Richtungen agierenden Willen und ihrer Einwirkung auf die Außenwelt eben die Geschichte ist“.
Marxens materialistische Geschichtsauffassung würde sonst die größten und schnödesten Verbrechen der verschiedentlichen weltgeschichtlichen Typen vom Schlage eines Nero oder Alexander Borgia weihen oder ihnen zumindest die Absolution verleihen. Solches nennt Bernstein mit Recht „die Rebellion des nüchternen Verstandes gegen die jeder Doktrin innewohnenden Neigung, den Gedanken in spanische Stiefel einzuschnüren“. Abb.: Marx und Jenny von Westphalen
Den Versuch, die Geschichte so aufzufassen, hat übrigens schon Aristoteles gemacht. Harrington und Romagnost wollten ihn fortspinnen, mußten aber schließlich dennoch zur Einsicht gelangen, daß trotz des unbestrittenen, gewaltigen Einflusses der ökonomischen Beziehungen und der jeweiligen Produktionsweise der Völker auch die großen Religionsstifter und Philosophen ebenso wie die Männer vom Schlage eines Cyrus, Perikles, Alexander, Cäsar, Konstantin, Heinrich VIII. oder Ludwig XIV. auf den Gang der weltgeschichtlichen Ereignisse bestimmend einzuwirken vermochten.
Daß sich die auf die „Verelendungstheorie“ gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt haben und nicht erfüllt werden, konnte gleichfalls schon vor Jahren vorausgesehen werden. Zu alledem kann die durch den Gang der wirtschaftlichen Ereignisse widerlegte Werttheorie, die sich letzten Endes trotz alles scheinbaren Widerspruches, dennoch auf die von Adam Smith und David Ricardo verkündeten Profit- und Rentenlehren mit dem allerdings bedeutenden Unterschiede stützte, daß jene Bürgerlichen den Profit und die Rente dem Unternehmer gönnten, während sie Marx selbstverständlich für seinen arbeitenden Proletarier in Anspruch nahm.
Allerlei Selbstverständliches, wie der „Fetischcharakter der Ware“, dann aber auch die auffallende Verkennung der dem herrschenden Geldsystem anheftenden wesentlichsten Gebrechen, haben vielfach dazu beigetragen, daß man Marxens Lebenswerk nicht überall gehörig einzuschätzen vermochte.
Trotz alledem kann und darf man an Marxens epochalem Lebenswerke nicht ohne Hochachtung vorbeigehen. Bei den Reichstagswahlen im Jahre 1871 fielen auf alle sozialdemokratischen Kandidaten 118.655 Stimmen. 1881 waren es noch immer nur 335.307, dann aber ging es gewaltig vorwärts: 1890: 1-3 Millionen, 1898: 2-3 Millionen, 1912: über 5 Millionen Stimmen mit 110 Abgeordneten. Die Sozialdemokratie ist bei weitem die stärkste Partei im Deutschen Reiche. Sie vereinigt seit Jahren mehr als ein Viertel aller abgegebenen Stimmen. Sechzig täglich, an dreißig wöchentlich oder monatlich erscheinende Zeitungen und Streitschriften verbreiten ihre Tendenzen und Lehren.
Der offizielle Parteikalender wurde vor dem Kriege in 200.000 Exemplaren abgesetzt. Ueber eine halbe Million Mark verschlingt alljährlich die Parteiagitation. Die ehemaligen Eisenacher und Lassalleaner haben sich verschmolzen. Der augenblickliche Zwist dürfte den Krieg nicht überdauern. Zwischen deutschen, österreichischen, ungarischen, skandinavischen und niederländischen Sozialdemokraten besteht unverkennbare Gemeinbürgschaft. Aus der ehemaligen Partei ist eine große mächtige Glaubensgenossenschaft hervorgegangen.
Karl Marx hat auf mitteleuropäischem Boden einen neuen Glauben gestiftet. In diesem Glauben liegt die Macht der Sozialdemokratie, denn der Glaube ist es, der den göttlichen Funken im Menschen entzündet, seine Vernunft in die Bahn reiner Wahrheit lenkt, sein zeitliches, flüchtiges irdisches Dasein mit dem hehren, gewaltigen Wesen der weltenbewegenden Ewigkeit umschlingt.
Auf dem Friedhofe von Highgate liegt eines der größten Genies der Neuzeit, einer der verdienstvollsten und selbstlosesten Märtyrer der leidenden Menschheit. Verklärt und gottbegnadet zieht er am heutigen Tage vor den Augen jener Millionen und Millionen vorbei, denen er mit dem Einsatz seines eigenen Lebens zu ihrem guten Rechte, zu Freiheit und Menschenwürde verhelfen wollte.
(Aus: PL im Mai 1918)
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