Geheimdienstliche Einflussnahme und mutmaßliche IT-Operationen durch Whisleblower aufgedeckt
Budapest. Wenige Tage vor der Parlamentswahl steht Ungarn im Zentrum eines politischen Skandals von erheblicher Tragweite. Recherchen des Investigativportals Direkt36 sowie Berichte internationaler Medien deuten darauf hin, dass staatliche Sicherheitsbehörden versucht haben könnten, gezielt gegen die oppositionelle Tisza-Partei vorzugehen.
Im Kern der Vorwürfe steht eine mutmaßliche Operation des ungarischen Verfassungsschutzes (Alkotmányvédelmi Hivatal, AH), die bereits im Juli 2025 begonnen haben soll. Ziel sei es gewesen, Zugang zu internen IT-Systemen der Tisza-Partei zu erlangen, um deren Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen oder sensible Daten auszulesen.
Ausgangspunkt der Affäre ist ein Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Kinderpornografie gegen zwei IT-Spezialisten mit Verbindungen zur Tisza-Partei. Laut den von Direkt36 ausgewerteten Dokumenten erwiesen sich diese Vorwürfe jedoch als unbegründet. Stattdessen fanden Ermittler Hinweise auf eine koordinierte Einflussoperation: Unbekannte Akteure hätten versucht, einen der IT-Mitarbeiter als Informanten zu rekrutieren und Zugriff auf die Parteiinfrastruktur zu erhalten.
Im Herbst 2025 wurde zudem ein massives Datenleck bekannt, bei dem personenbezogene Daten von bis zu 200.000 Tisza-Unterstützern öffentlich wurden. Während die Regierung zunächst externe Akteure – insbesondere aus der Ukraine – verantwortlich machte, deuten nun die Aussagen des Whistleblowers auf eine mögliche interne Verursachung hin.
Whistleblower Bence Szabó
Zentrale Figur der Affäre ist Bence Szabó, ein leitender Ermittler der Cybercrime-Abteilung des Nationalen Ermittlungsbüros (NNI). Szabó erklärte in einem ausführlichen Interview, dass seine Einheit unter Druck gesetzt worden sei, die Ermittlungen in eine politisch gewünschte Richtung zu lenken.
Er habe seine Vorgesetzten mehrfach darauf hingewiesen, dass es sich um eine politisch motivierte Operation handle. Seine Bedenken seien jedoch ignoriert worden. Schließlich habe er sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen:
„Ich habe einen Eid geschworen. Ich will meinem Land dienen, nicht einer bestimmten Gruppe von Menschen.„
Kurz nach Veröffentlichung seiner Aussagen verlor Szabó seine Position und sieht sich nun selbst strafrechtlichen Vorwürfen ausgesetzt.
Da der Verfassungsschutz direkt dem Büro des Ministerpräsidenten unterstellt ist, steht die politische Verantwortung im Raum, auch wenn eine direkte Anweisung bislang nicht nachgewiesen wurde.
Politikwissenschaftler ziehen bereits historische Vergleiche. Selbst beim Systemwechsel 1989/90 wurden staatliche Organe nicht in vergleichbarer Weise gegen die Opposition eingesetzt. Die aktuelle Entwicklung ist dementsprechend in Ungarn beispiellos.
Öffentliche Mobilisierung und europäische Dimension
Aufrung seiner mutigen Äußerungen erhält Szabó eine außergewöhnliche Welle öffentlicher Solidarität. Innerhalb von nur zwei Tagen wurden über eine Crowdfunding-Kampagne rund 730.000 Euro für seine juristische Verteidigung gesammelt. Zehntausende Spender aus Ungarn und anderen europäischen Ländern beteiligten sich daran.
Laut der aktuellen Erhebung des Republikon-Instituts liegt die Partei Tisza in der Gesamtbevölkerung mit 37 Prozent vor Fidesz-KDNP, die auf 31 Prozent kommt. Besonders deutlich wird der Vorsprung im Lager der entschiedenen Wähler: Hier erreicht Tisza aktuell 56 Prozent, während Fidesz lediglich bei 37 Prozent liegt.
Mehrere regierungsnahe Stimmen stellen die Vorgänge als Teil einer angeblichen ukrainischen Geheimdienstaktivität dar. Das Narrativ wird einfach direkt umgedreht. In diesem Kontext wurden auch wurde auch der Investigativreporter Szabolcs Panyi mit Spionagevorwürfen konfrontiert, die er als „absurd“ zurückgewiesen hat.
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Quellen: Direkt36
Photo: Bence Szabó. Direkt36 (Youtube)






