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Kritisch denken lernen in Ungarn – Schulstart unter Magyars neuen Versprechen

Ein Premieren-Schuljahr für Péter Magyar: Zum landesweiten Auftakt beschwört die neue Regierung kritisches Denken, Ruhe und Kreativität. Hinter der Rhetorik stehen bislang Bruchstücke einer Reform – und ein schweres Erbe.

Nagykanizsa. Die Sonne brennt auf den Hof des Dr.-Mező-Ferenc-Gymnasiums, als Péter Magyar seinen ersten landesweiten Schuljahresauftakt als Ministerpräsident bestreitet. Vor Hunderten Schülerinnen und Schülern erinnert er sich an eigene, unbequeme Schulanfänge und kündigt an, künftig sollten beim feierlichen Antreten nicht die Kinder in der prallen Sonne stehen, sondern die Erwachsenen. Dann folgt der programmatische Satz: Die wichtigste Aufgabe der Schule, sagt Magyar laut MTI, sei es, „die Schülerinnen und Schüler so gut wie möglich denken zu lehren, kritisch zu denken“.

Mit wenigen Sätzen verschiebt er den Akzent weg vom reinen Stoffpauken. Es sei nicht entscheidend, ob jemand der beste Chemiker oder Mathematiker werde, nicht einmal, dass alle immer einer Meinung mit ihren Lehrern sind – „und schon gar nicht, dass sie immer still sind“. Wichtiger seien Menschlichkeit, Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Patriotismus und kritischer Geist. In einem Bildungssystem, das in den vergangenen Jahren von internationalen Organisationen wie OECD und EU‑Kommission für Zentralismus, Überfrachtung und lehrerzentrierten Unterricht kritisiert wurde, markiert das einen deutlichen Tonwechsel.

„Die wichtigste Aufgabe der Schule ist, die Schüler so gut wie möglich denken zu lehren, kritisch zu denken“

Von der Prügelpädagogik zur ruhigen, kreativen Schule

An Magyars Seite steht in Nagykanizsa eine Expertin, die im ungarischen Bildungsdiskurs seit Jahren mit Analysen hervorgetreten ist: Judit Lannert, Ökonomin und Bildungsforscherin, ist seit gut hundert Tagen Ministerin für Bildung und Kinderfragen. Sie beschreibt das Regierungsziel als Gegenentwurf zur gewachsenen Schulrealität: Die Schule solle „ruhige Entwicklung ermöglichen, der Kreativität der Schüler Raum geben und für alle ein besserer Ort werden“, zitiert MTI ihre Rede.

Die Ministerin skizziert eine Einrichtung, in der nicht mehr dirigiert wird und niemand darüber nachdenkt, wie sich noch mehr Anforderungen auf alle Beteiligten häufen lassen. Stattdessen gehe es darum, „gemeinsame Entwicklungswege“ zu finden, die Lehrkräfte wie Kinder trügen. Sie spricht – teils ausdrücklich, teils in der Zusammenfassung ihrer Ansagen durch MTI – von einer kindzentrierten Pädagogik, weniger Pflichtmessungen, stärkerer fachlicher und leitungsbezogener Autonomie, weniger Bürokratie und vielfältigeren Lehrmitteln. Ziel sei eine Schule, „die nicht die Heiterkeit der Kindheit tötet, keine mechanische, seelenzerstörende Arbeit für Lehrkräfte und kein ständiger Anlass zur Sorge für Eltern ist“.

Damit greift Lannert Punkte auf, die OECD und EU-Kommission den ungarischen Behörden in Berichten vorhalten: zu starre Curricula, lehrerzentrierter Frontalunterricht, wenig Raum für eigenständiges Denken. Im OECD-PISA-Test 2022 lagen Ungarns 15‑Jährige bei Lesen und Mathematik nur knapp am OECD-Schnitt, deutlich hinter Polen und Tschechien. Die Quote der frühen Schulabgänger liegt laut EU‑Daten über dem EU-Durchschnitt. Vor diesem Hintergrund gerät „kritisches Denken“ zur politischen Leitvokabel.

Reformen auf dem Papier – alter Lehrplan im Klassenzimmer

Wer von Nagykanizsa aus in die Gesetzblätter schaut, stößt rasch auf die Grenzen dieses Aufbruchs. Der zentrale Rahmen für den Unterricht, der Nationale Grundlehrplan NAT 2020 samt zugehöriger Rahmenpläne, stammt aus der Vorgängerregierung. In der ungarischen Rechtsdatenbank findet sich bis Ende August keine neue, kundgemachte Fassung, die diesen Rahmen ersetzt oder grundlegend umbaut.

Auf den Regierungsseiten sind zwar mehrere Konsultationsentwürfe verzeichnet – etwa zur Hochschulqualifikationensystematik oder zur Digitalisierung von Bildungsangeboten. Eine systemische Curriculumsreform mit neu definierten Kompetenzzielen, geringerer Stofffülle oder verbindlich verankertem Projektlernen ist aber nicht beschlossen. Auch zu Klassengrößen und einer rechtlich greifbaren Ausweitung der Schulautonomie – etwa bei Personal- oder Budgetentscheidungen – fehlen neue Normen. Brüssel und der UN‑Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung haben Curriculumsreformen mit stärkerer Beteiligung von Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern eingefordert.

Lannert verweist in Nagykanizsa auf „viele kleine Schritte“ des Sommers: Stärkung der fachlichen Autonomie der Schulen, Abbau von Verwaltungsaufgaben, Start einer bunteren Lehrmittelpalette, weniger verpflichtende Messungen. Diese Schritte sind bislang administrative Justierungen im bestehenden System – nicht ein vollständig neuer Bauplan.

Assistenzen als Stütze – und als Prüfstein

Klarer als bei den Lehrplänen positioniert sich die Regierung beim Geld für jene Berufsgruppe, die bislang am unteren Ende der Hierarchie stand: pädagogische Assistenten und andere nicht lehrende Fachkräfte. „Die vielen Zehntausend pädagogischen Assistenten, die den Unterricht unterstützen, können auf die Tisza‑Regierung zählen“, sagt Magyar nach der Feier vor Journalistinnen und Journalisten. Die Löhne dieser Beschäftigten lägen „am Rande des garantierten Mindestlohns“ und die vergangene Erhöhung sei „sehr, sehr mager“ gewesen, zitiert MTI den Regierungschef.

Magyar kündigt an, wie von Ministerin Lannert in Aussicht gestellt, werde die Regierung „in Kürze die zeitliche Staffelung und den voraussichtlichen Startzeitpunkt“ einer Gehaltserhöhung für diese Gruppe bekanntgeben. Er betont, für alle Bereiche – Bildung, Gesundheit, Verteidigung, Verwaltung – brauche es „eine berechenbare Laufbahn“, keine Einmalerhöhung und dann zehn oder fünfzehn Jahre Stillstand. Das gelte ausdrücklich auch für nicht unterrichtendes Personal.

Konkrete Zahlen legt die Regierung bisher nicht vor. Öffentlich zugängliche Statistiken liefern zwar detaillierte Zahlen zu Lehrkräften, eine eigenständige, amtliche Gesamtzahl für pädagogische Assistenten ist jedoch nicht verfügbar. Klar ist aus EU‑ und Regierungsdokumenten: Während die Lehrergehälter seit 2023 mit Hilfe von EU‑Geldern spürbar angehoben wurden, wurden Assistenzen vom neuen Laufbahnmodell nicht im gleichen Umfang erfasst. Die EU‑Kommission verlangt im Rahmen des Wiederaufbauplans, dass die Lohnsteigerungen für sonstige Beschäftigte im öffentlichen Bildungswesen prozentual nicht hinter denen der Lehrkräfte zurückbleiben. Magyar stellt in Aussicht, diese Lücke schrittweise zu schließen – mit einem Haushalt, den er als „bis zur letzten Konsequenz ausgeblutet“ beschreibt.

Zwischen EU-Auflagen und nationalem Aufbruch

Finanziell balanciert die neue Regierung auf einem schmalen Grat. Magyar verweist darauf, die Regierung habe in den ersten drei Monaten ihrer Amtszeit das Haushaltsdefizit um 1.000 Milliarden Forint gesenkt. Gleichzeitig erinnert er daran, dass die jüngste große Lehrergehaltserhöhung „weitgehend aus europäischen Mitteln“ bestritten wurde – ab 2029 müsse der ungarische Haushalt diese Last allein tragen, was er als „riesige Belastung“ bezeichnet.

Die EU wiederum knüpft ihre Zahlungen an klare Bedingungen. Bis 2025 sollen die durchschnittlichen Lehrergehälter 80 Prozent des Einkommens von Hochschulabsolventen erreichen und diesen Wert bis 2030 halten. Für sonstige Beschäftigte im öffentlichen Bildungswesen – dazu zählen Assistenten – fordert Brüssel Jahressteigerungen mindestens in Höhe des durchschnittlichen Lehrerplus. Die bisherige Umsetzung hat vor allem den ersten Teil der Gleichung bedient: Geld für Lehrkräfte, deutlich weniger für den Rest.

Ein EU-Mittelfeldsystem mit großem Gefälle

Gemessen an den harten Indikatoren ist Ungarns Schule im europäischen Mittelfeld verortet. In PISA 2022 liegt das Land mit rund 470 bis 485 Punkten in den Kernfächern im OECD‑Mittel, doch die Kurve zeigt nicht nach oben. Internationale Berichte kritisieren, dass Unterrichtspraxis und Prüfungsregime die Förderung von Kompetenzen wie argumentierendem, problemlösendem Arbeiten und damit auch von „kritischem Denken“ erschweren. Schülerinnen und Schüler berichten laut den Befragungen häufiger als im OECD‑Schnitt von lehrerzentriertem Stoffdurchnehmen und seltener davon, im Unterricht argumentieren, hinterfragen, eigenständig forschen zu dürfen.

EU‑Berichte zeigen starke regionale Unterschiede. In ärmeren Regionen wird von deutlich erhöhten Abbrecherquoten berichtet, während wohlhabendere Landesteile eher in die Nähe des EU‑Durchschnitts kommen. Internationale Analysen verweisen zudem seit Jahren auf tausende fehlende Lehrkräfte, besonders in Mathematik, Naturwissenschaften und in benachteiligten Regionen. Dort werden die in Nagykanizsa beschworenen Ideale von ruhiger, kreativer Entwicklung schwer umzusetzen sein: Wo eine einzige Lehrkraft auf zu viele Kinder trifft, bleibt für Diskussion und Projektdidaktik wenig Raum.

Magyar verabschiedet sich in Nagykanizsa mit einem Dank an die Lehrkräfte, die „mit unermüdlicher Begeisterung“ Stunden vorbereiteten, Arbeiten korrigierten und dieselbe Frage fünfmal gelassen beantworteten. Er erzählt, selbst kein Musterschüler gewesen zu sein und sich durch Widerspruch mit einem Geschichtslehrer angelegt zu haben – derjenige, der ihm schließlich das Fach nahebrachte.

Ob das ungarische Schulsystem solchen Widerspruch künftig strukturell trägt, entscheidet sich nicht auf dem Festhof, sondern an Lehrplänen, Personalschlüsseln und Lohnzetteln. Der neue Ton aus Budapest ist gesetzt.

Quellen: MTI, OECD PISA 2022, EU-Kommission Länderbericht Ungarn 2024
Photo: PL

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